Uraufführung
Eine Heimsuchung
nach Lessings Nathan der Weise
Jung, schön und verführerisch sind die Frauenfiguren in Lessings Stücken – und am Ende müssen sie meistens sterben: Emilia Galotti wird von ihrem Vater erstochen, Miss Sara Sampson wird vergiftet. Recha aus Lessings berühmtem Spätwerk „Nathan der Weise“ stirbt zwar nicht tatsächlich, aber sie wird als Braut getötet und als Schwester neu geboren: Von ihrem Vater Nathan erfährt sie am Schluss des Stückes, dass ihr Lebensretter und Verehrer, der junge Tempelherr, in Wahrheit ihr Bruder ist – und damit als Bräutigam nicht mehr in Frage kommt.
Die Geschichte von „Nathan der Weise“ ist aus Sicht der jungen Recha eine Aneinanderreihung von Erziehungsmaßnahmen. Ihr Vater Nathan treibt ihr ihren Engelsglauben aus, ihre Stiefmutter Daja verkuppelt sie und offenbart ihr ihren wahren Christen-Glauben. Selbst hat Recha keine Stimme: Sie redet ihrem Vater nach dem Mund. Und doch artikuliert sie immer wieder eine leise Sorge: „Was soll ich mir denn noch wünschen, wenn irgendwann alle meine Wünsche erfüllt sein sollten?“
Lessings Gespenster ist eine lustvolle Auseinandersetzung mit den von Lessing erdachten Frauenfiguren von Recha bis Emilia – und wagt eine These, wohin sich diese „Programmierung“ des Bildes der jungen Frau bis heute entwickelt hat. Schauspielerin Merle Wasmuth widmet sich gemeinsam mit Frank Genser, Uwe Schmieder und Friederike Tiefenbacher Lessings berühmten Frauenfiguren und dem gegenwärtigen Bild junger Mädchen als Objekt von Werbeindustrie und Absatzmärkten – und wird dabei unterstützt durch den Dortmunder Sprechchor und drei Musiker: On Stage im Schauspielhaus. Was kann man sich heute noch wünschen – jenseits des bloßen Materiellen?
Besetzung
- Das junge Mädchen/Recha: Merle Wasmuth
- Ein junger Tempelherr: Frank Genser
- Nathan: Uwe Schmieder
- Daja: Friederike Tiefenbacher
- Der Sprecher: Ralf Kubik
- Ein deutscher Bär: Alexander Kerlin
- Mit: Dortmunder Sprechchor
- Percussion: Carsten Langer
- Akkordeon: Eva Maria Mitter
- Klarinette: Benjamin Reissenberger
- Kostümhospitanz: Jennifer Stocksley
- Regie und Text: kainkollektiv
- Bühne und Kostüme: Oliver Helf
- Videoszenographie: sputnic
- Licht: Sybille Stuck
- Kamera: David Wesemann
- Schnitt: Nils Beck
- Regieassistenz: Lena Biresch
- Bühnenbildassistenz: Valerie Gasse
- Kostümassistenz: Theresa Mielich
- Inspizienz: Ralf Kubik
- Soufflage: Daniela Stivelli
- Regiehospitant: NN
Pressestimmen
„Das Publikum kann sich mit diebischer Freude auf die vielen Zitate, von Joseph Beuys über Walter Benjamin bis zu Richard Wagner, stürzen. Oder aber es lässt sich fallen in den Sog dieses Abends, in die rauschhaften Bilder, Klänge und Emotionen – der vor allem getragen wird durch die großartige, charismatisch und zwingend spielende Merle Wasmuth, die in jeder Minute Zentrum der Inszenierung ist. Ein Stück, das mal heiter, mal verzweifelt und traurig, die Zuschauer mit vielen Fragen hinterlässt.“
Westfälische Rundschau
„Aus der Unterbühne fährt eine durchsichtige Box hervor, in der „das junge Mädchen“ sitzt: die Schauspielerin Merle Wasmuth, die in den nächsten gut 100 Minuten nahezu den gesamten schwierigen Text zu schultern hat. Sie verkörpert Lessings junge Frauen: diejenigen, die sterben mussten wie Sara Sampson oder Emilia Galotti, zuvörderst aber Recha, die nicht starb, aber „als Braut getötet und als Schwester neu geboren“ wurde. Merle findet in ihrer Box so manche Requisiten: den „Recha-Becher“ für den Kaffee, einen Laptop, die VOGUE, ein Bügeleisen und Joseph Beuys‘ toten Hasen, der uns aber ebenso wenig die Bilder erklärt wie sie ihm erklärt werden: Beuys ist leider schon genau so tot wie Lessing.
Da hilft nur, sich treiben zu lassen von den Bildern auf der Bühne und auf der Videowand, von den hervorragend gesprochenen Texten, vom Dortmunder Sprechchor, der auch sängerische und tänzerische Einlagen bietet – und von der hervorragenden Musik des Trios Carsten Langer, Eva Maria Mitter und Benjamin Reissenberger. Auch die Musik ist vielfältig und beziehungsreich: Da gibt es Haydn und Mauricio Kagel, Messiaen und einen eurasischen Tango – und Lieder von Marlene Dietrich."
Theater Pur
„Merle Wassmuth spielte nicht nur die Rolle als Lessings „Meta-Frau“ hinreißend, sondern mit ausdrucksstarker Gestik und Sprache. Besonderes Lob auch dem Bühnenbild: Die große Bühne des Schauspielhauses wurde durcheinen hölzernen Monolithen geteilt, auf dem die Videoclips mit Auszügen von „Nathan der Weise“ zu sehen war. Im hinteren Bereich war Platz für den Dortmunder Sprechchor. Zuschauer, die Stücke wie „Visitor Q“ und „Naked Lenz“ besucht haben, waren nicht überrascht, dass es keine festen Sitzplätze gab, sondern dass die Zuschauer sich von einem Ort zum anderen bewegen durften. Neben Wassmuth war der Dortmunder Sprechchor der Star der Inszenierung. Neben dem erwartet hohen Niveau der Darbietungen, glänzte der Sprechchor auch mit einer tänzerischen Einlage.“
Innenstadt-Ostblog
„Über 50 Zaubermädchen in weißen Tüllröcken sind dekorativ auf eine Schräge in der hinteren Bühnenecke drapiert - denn um das Mädchen-/Frauenbild geht es in der Produktion "Lessings Gespenster. Eine Heimsuchung nach Nathan der Weise", die am Samstag Premiere im Dortmunder Schauspielhaus feierte. Star in dieser multimedialen Stückentwicklung von der Gruppe Kainkolletiv ist die fabelhafte Schauspielerin Merle Wasmuth.“
RuhrNachrichten






















