von Georg Büchner
Marie und Woyzeck, ein Paar. Der einfache Soldat liebt Marie sehr. Für das kleine Glück der beiden und ihr gemeinsames Kind muss er zu seinem kargen Sold Geld hinzuverdienen: dem Arzt opfert er für zweifelhafte wissenschaftliche Experiment seine Gesundheit. Der Hauptmann, der Woyzeck öffentlich demütigt, entlohnt ihn zusätzlich für einfache Dienstleistungen. Im Arbeitsalltag aufgerieben übersieht Woyzeck zunächst erste Anzeichen einer Affäre, die Marie mit dem Tambourmajor begonnen hat. Aus der dumpfen Ahnung wird helle Gewissheit - aus dem Opfer ein Täter...
"Woyzeck ist die offene Wunde" - schreibt der Dramatiker Heiner Müller in seiner Büchner-Preisrede 1985 - "offen, wie ein Bergwerk". Büchner (1813-1837) verarbeitet in seinem Fragment gebliebenen Drame die Geschichte des arbeitslosen Friseurs und Perückenmachers Johann Christian Woyzeck, der für den Mord an seiner Geliebten 1824 in Leipzig hingerichtet wird. Was den Glutkern dieses hochaktuellen Themas ausmacht - Sozialdrama, Eifersuchtsddrama, Drama um einen psychisch gestörten Menschen oder Gesellschaftsdrama -, gilt es zu jeder Zeit neu zu beantworten. Denn eines ist gewiss: "Immer noch rasiert Woyzeck seinen Hauptmann."
Besetzung
- Franz Woyzeck: Axel Holst
- Marie Zickwolf: Caroline Hanke
- Hauptmann: Uwe Rohbeck
- Doktor: Andreas Beck
- Tambourmajor: Sebastian Kuschmann
- Andres: Paul Wallfisch
- Regie: Kay Voges
- Bühne:
- Kostüme: Michael Sieberock-Serafimowitsch
- Musikalische Leitung: Paul Wallfisch
- Licht: Sibylle Stuck
- Dramaturgie: Michael Eickhoff
Pressestimmen
"Woyzeck in der Bearbeitung von Kay Voges ist ein äußerst intensives Bühnenstück mit hervorragenden schauspielerischen Leistungen - allen voran Axel Holst und Caroline Hanke -, das in keiner Sekunde langweilig wird."
Ruhr Nachrichten
"Der eiserne Vorhang hebt sich nur ein paar Zentimeter. Durch den Spalt steckt Woyzeck seinen Kopf, panisch starrt er ins Publikum, überall vermutet er Verschwörungen und Gefahr. Das ist kein Wunder, denn sein Leben besteht aus Gewalt und Demütigungen. Ein perverser Arzt missbraucht Woyzeck für seltsame Experimente. Der Hauptmann, Woyzecks anderer Quälgeist, wirkt dagegen zart, ein schlanker Mann mit Glatze und Leopardenmantel. Oft werden diese Rollen als groteske Figuren inszeniert, in Dortmund bleiben sie bei aller Brutalität gestörte und verstörte Menschen. Wenn sie nicht Woyzeck als Opfer hätten, würden sie auf einander losgehen. Nicht nur seine Arbeitgeber machen dem einfachen Soldaten das Leben zur Hölle, Woyzeck versucht, die Welt zu begreifen, fiebernd, rasend, sein Verstand glüht, aber er stößt immer wieder an Mauern.
Axel Holst ist ein grandioser Woyzeck, ein echter Kerl, kräftig, männlich, ein Kämpfer. Die von Pia Maria Mackert entworfene Bühne ist mit Schnee und Eis bedeckt. Die Wände sind schwarz, das Auge findet keinen Halt. Im Hintergrund sitzt der Musiker Paul Wallfisch am Konzertflügel und singt traurige Songs. Es gibt keine Hoffnung in dieser Welt. Woyzecks Frau Marie lässt sich von einem Tambourmajor verführen, der ebenfalls ein Verlorener ist.
Die junge, in Dortmund geborene Schauspielerin Caroline Hanke ist eine Entdeckung. Wild kämpft sie um eine Chance, die ihr die vereiste Welt nicht bietet. Am Ende siegt der Wahn und Woyzeck zückt sein Messer. Dann richtet er eine Waffe auf das Publikum, Woyzeck hat nichts mehr zu verlieren, ihm ist alles egal. Er könnte abdrücken, immer wieder, viel mehr Menschen mit sich in den Tod reißen.
Regisseur Kay Voges zeigt mit Büchners packendem Text nicht nur, wie ein Mann zum Mörder wird, sondern wie sich alle Werte und Hemmungen auflösen, wie jemand ganz aus der Gesellschaft tritt. Woyzeck könnte ein Selbstmordattentäter werden, wenn es der Doktor oder der Hauptmann befehlen würden. Eine kraftvolle, erschreckende Inszenierung, ein erster Erfolg des neuen Dortmunder Schauspiels."
WDR Scala
"Woyzeck ist verstört und irritiert. Er hängt am Vorhang des Schauspiel Dortmund und fällt herab, als sich die Bühne öffnet. Regisseur Kay Voges lässt nun in eine Düsternis blicken, die sich kaum auf dieser Erde verorten lässt. Erst später wird Pia Maria Mackerts Guckkasten als Projektionsraum für Seelennöte erkennbar. Es ist hier unheimlich, unwirklich. Was wird passieren?
Regisseur Voges favorisiert eine psychologische Deutung und lässt Woyzeck das Zwiegespräch mit seinem Freund führen. Andres sitzt im Hintergrund am Klavier. Paul Wallfisch, Dortmunds neuer Musikdirektor, personifiziert den Rhythmusgeber, stumm, in schwarz und mit Sonnenbrille. Eine Kunstfigur aus unserer Zeit.
Der Hauptmann mit Leopardenjacke führt sich das Rasiermesser wie ein Lebensmüder selbst zum Hals. Uwe Rohbeck treibt die Figur immer wieder selbstzerstörerisch an. Die Tugenddoktrin seines Standes klemmt ihm den eigenen Trieb schmerzhaft ein. Der Vorteil der Arrivierten ist in Voges Woyzeck-Inszenierung kein Sonnenplatz. Andreas Beck spreizt den Arzt als bösen Egomanen, als Ruhelosen, der Wissenschaft vorgibt, wenn er den eigenen Sadismus nährt. Woyzeck muss Schläge aushalten. Axel Holst macht das ergeben und widersetzlich zugleich. Denn die Grundfrage des Abends, was ist der Mensch, treibt auch ihn neben allen Nöten mit Kind und Marie. Holst lässt Woyzeck beben, wie den Fleisch gewordenen Nachhall eines tiefen Ringens um Existenz und Identität.
In Dortmund wird der Fatalismus des Dramas zu einem mystischen Horrortrip in Seelenabgründe. Der Tambourmajor (Sebastian Kuschmann) wirbt um Marie mit eingesprungenen Showschritten, wie ein Tänzer unserer Unterhaltungsindustrie. Voges lässt in solchen Szenen kurz Ironie anklingen, auch wenn der liebestolle Pas de deux mit Marie zu einem erotischen Veitstanz kulminiert. Für Tod und Verderben gibt es packende Bilder. In einer rituellen Verschwörung ("Sand, Staub, Dreck") ersticht der Tambourmajor ein blutiges Affenwesen, das unter dem weißen Kunstschnee auf der Bühne verscharrt wird. Mit solchem Grusel wird die Fallhöhe des Büchner Dramas noch erhöht. Überzeichnet, aber herrlich effektvoll ist auch Maries Sehnsucht nach einem Mann – Ausdruck ihrer unschuldigen Lebensgier. Große glänzende Kugeln schweben vom Bühnenhimmel. Kitschig und tröstlich wirkt das im Sog des Untergangs. Und Caroline Hanke nimmt der Marie-Figur das Schicksal einer Alleinerziehenden, indem sie eine sinnliche Tragödie spielt. Ihr gelingen verstörende stille Augenblicke in einer Inszenierung, die mit Extrema operiert, das man manchmal nicht mehr weiß, wo oben und unten ist. Woyzeck, der das ganze Stück stammelt, spricht plötzlich klar. Der Mordgedanke gibt ihm innere Ruhe. Seine Leidensabsicht wird im schuld-frommen Christentum verankert. Es schaudert.
Regisseur Kay Voges schockt am Ende mit blutigen Motiven der Horror- und Schlitzerfilme. Die Frage, was der Mensch ist, hat das Theater bis heute nicht beantworten können. Deshalb macht er es auch nicht."
Westfälischer Anzeiger























































Kommentare
also weil das gerade der schluß der keitik hier ist, mit schlitzerfilm hatte das ende nichts zu tun. woyzeck war wie ein kind das sehen mußte wie blut aussieht. es war unnglaublich. alles.