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Schauspiel 2021/22

Kein Zurück!

„Wir richten unseren Blick nach vorn, wir sind aufgeregt, ihr könnt es sehen, wir können euch sehen.“

Sivan Ben Yishai, UNSERE STADT AUS VOGELAUGEN. EINE BLUTUNG IM DUNKELN. aus: »2170 – Was wird die Stadt gewesen sein, in der wir leben werden?«

Wir öffnen die Tür. Vorsichtig, zaghaft. Sie war geschlossen für eine lange Zeit. Wir warteten in geschlossenen Räumen, ängstlich, hoffend. Warteten auf den Tag, an dem wir öffnen können. Doch was ist da draußen? Seid Ihr noch da? Is there anybody out there?

Mit dieser Frage starten die meisten Theaterarbeiten, die in der kommenden Spielzeit entstehen. Sie erzählen von Suchen und Reisen, von Expeditionen und Forschungen. Von unbekannten Welten, die genau vor unserer Tür liegen können. Von dem Gefühl, fremd zu sein in der bekannten Welt.

In der Arbeit von Dennis Dusczczak geht es um Superheld*innen, die nicht wissen, wo sie sind und was sie können. Mervan Ürkmez’ theatrales Requiem fragt nach den Dinosauriern, die gerne gewusst hätten, was nach ihnen kommt. Selma Spahić begibt sich auf eine Entdeckungsreise in unbekannte Welten und Lionel Somé öffnet den Raum zwischen zwei Stürmen, zwischen Shakespeare und Césaire. Julia Wissert fragt in ihren Regiearbeiten zwei Mal nach Übergängen und Transformationen: in ihrer Uraufführung von Der Platz untersucht sie gemeinsam mit dem Ensemble den Raum zwischen gesellschaftlichen Klassen und fragt nach der Bedeutung von Herkunft. In ihrer zweiten Arbeit erzählen Jugendliche aus Dortmund von ihren Transformationen und Erfahrungen im Jahr der Pandemie.

Doch immer geht es um Zwischenräume und Neuvermessungen. Um den Moment zwischen Weinen und Lachen, zwischen Leben und Tod, in dem wir ermessen, was wichtig ist im Leben. Was bleibt. Und was wirklich Freude macht. Was uns wirklich etwas bedeutet. Und in allen Arbeiten geht es um Annäherungen.

Wir öffnen die Tür. Es gibt kein Zurück. Doch was liegt vor uns? Wir wissen nicht, was uns erwartet. In welcher Galaxie, welcher Zeitzone, auf welchem Planeten sind wir gelandet? Der rasende Stillstand des pandemischen Jahres hat uns in den Orbit geschleudert, wir haben den Boden unter den Füßen und uns aus den Augen verloren. Wir kreisen um unsere Vergangenheit, unsere Geschichte und wissen nicht, wie wir sie weiter erzählen können. Denn wer erzählt und wohin geht die Reise? Wo sind wir gelandet und wohin gehen wir? Wir schauen auf die Kulissen des vergangenen, immer noch 20. Jahrhunderts und spüren: Es ist Zeit, sie abzuräumen.

„Nothing could be worse than a return to normality. Historically, pandemics have forced humans to break with the past and imagine their world anew. This one is no different. It is a portal, a gateway between one world and the next. We can choose to walk through it, dragging the carcasses of our prejudice and hatred, our avarice, our data banks and dead ideas, our dead rivers and smoky skies behind us. Or we can walk through lightly, with little luggage, ready to imagine another world. And ready to fight for it.“

Arundhati Roy, The Pandemic is a Portal, Financial Times, 3. April 2020

Arundhati Roy beschreibt die Pandemie als ein Portal, durch das wir gehen müssen. Ein Portal zwischen der alten und der neuen Welt. Wir haben die Wahl, wohin wir gehen: ob wir mit leichtem Gepäck für eine neue Welt kämpfen oder ob wir die toten Ideen unserer Vergangenheit mitschleppen.

Wir gehen nach vorn. Mit leichtem Gepäck. Für diesen Augenblick verzichten wir weitestgehend auf die alten Texte und die klassischen Narrative. Denn in diesem Augenblick sprechen sie nicht zu uns. Vielleicht irgendwann wieder, aber nicht jetzt. Wir brauchen nicht Fortsetzungen, sondern Anfänge.

Deshalb fangen wir an und haben manchmal kein Stück, aber Ideen, keine Texte, aber Bilder und Emotionen. Die Erfahrungen der letzten Monate, unsere Ängste und Hoffnungen, Trauer und Freude und der Moment, an dem wir wieder zusammenkommen. Wir haben uns und unsere Fragen. Daraus entstehen Situationen und Bewegungen, komische Momente und traurige. Wir improvisieren. Schreiben. Lachen. Erinnern uns. Bringen persönliche Geschichten, Familienbilder, Fotos mit auf die Probe. Wir erzählen von uns und hören zu. Wir recherchieren, lesen und lernen. Stellen Zusammenhänge her, verstehen Hintergründe und Strukturen. Stück für Stück entsteht ein Stück, wir entwickeln es zusammen, Tag für Tag, Probe für Probe und irgendwann ist dann Premiere und Ihr kommt. Und habt keine Ahnung, auf was Ihr Euch einlasst aber Ihr wisst, das ist unsere Geschichte, die wir hier und jetzt, genau in diesem Augenblick an diesem Ort, in dieser Stadt gefunden haben. Für uns und für Euch. Für und mit uns allen zusammen.

Denn das ist der Moment, auf den wir gewartet haben. Der Moment, an dem wir uns wiedersehen und an dem alles möglich ist. Die Tür ist weit offen. Wir schauen nach vorn. Sehen Euch. Neustart. Immer wieder. Bis es uns gelingt, dass diese Welt eine andere ist.

Sabine Reich
(Stellvertreterin der Intendantin/leitende Dramaturgin des Schauspiels)