Jasco Viefhues: Julia, was waren deine ersten Gedanken? Du hast wahrscheinlich das Märchen von Blaubart, bei Carter Die blutige Kammer, als erstes gelesen.
Julia Wissert: Mein erster Gedanke war: Ich habe mich total in diese Welt verliebt. Sie ist opulent, groß, eigentlich viel zu viel für eine Bühne. Und genau das hat mich interessiert. Wenn man das verdichtet und ästhetisch modernisiert, kann daraus ein sehr starker Abend werden. Carter stellt Figuren auf den Kopf und spielt mit dem, was wir über Märchen zu wissen glauben. Plötzlich ist alles anders.
Viefhues: Also alle zehn Erzählungen in einem Abend?
Wissert: Ja. Alles als eine Welt. Ein Wimmelbild, das sich erst nach und nach erschließt. Mit einem Schlüsselmoment, in dem klar wird: Wir schauen die ganze Zeit auf dieselbe Anordnung, nur aus verschiedenen Blickwinkeln.
Viefhues: Für mich kommen die Figuren tatsächlich aus einer „Kiste“. Und irgendwann will ich wissen: Aus welcher Welt seid ihr rausgekommen? Sie sind Märchenfiguren – und laufen gleichzeitig unter uns herum.
Wissert: Genau dieses „unter uns“ interessiert mich. Wenn man von Monstern spricht, schiebt man das nach außen. Dabei sitzt das Bedrohliche im Schlafzimmer oder im Wohnzimmer. Die Monstrosität entsteht aus der Entgleisung.
Viefhues: Das Monströse ist Teil des Menschseins. Bei Carter geht es nicht um Fabelwesen oder Liebesmotive, sondern um Abgründe, um Macht, um Blickregime. Auch um koloniale Chiffren, die schon in den alten Märchen stecken.
Wissert: Deshalb ist Kontext wichtig: diese Verbindung zwischen bürgerlicher Ordnung und dem, was darunter brodelt. Carter kritisiert diese Ordnung – und schaut dahin, wo man das Monster am wenigsten erwartet.
Viefhues: Das hat mich an eine Tradition erinnert, mit der ich etwas anfangen kann: die Gothic Novel, diese antibürgerlichen, dunklen Erzählungen. Und eben auch an Marquis de Sade, mit dem sich Carter intensiv beschäftigt hat. Der Text ist spooky, rhythmisch, sehr sinnlich. Man kann alles spüren, riechen, schmecken. Und: nur weibliche Heldinnen.
Wissert: Genau das ist für mich der Zugang. Sie beschreibt eine Wirklichkeit, ohne sie direkt abzubilden. Alles ist überhöht, aber trotzdem anschlussfähig. Adel, Armut, Sehnsucht nach Aufstieg – dieses Motiv taucht immer wieder auf. Ein Märchenuniversum, das ständig seine Perspektive wechselt. Eigentlich unmöglich auf die Bühne zu bringen – und genau deshalb perfekt. Wenn es unmöglich ist, hast du Narrenfreiheit.
Viefhues: Hast du ein Beispiel?
Wissert: Ich habe mich gefragt: Gab es je ein Märchen, in dem eine Mutter ihre Tochter rettet? Bei Hänsel und Gretel fand ich als Kind dieses Ausgesetztwerden unerträglich. In Die blutige Kammer dagegen kommt die Mutter im letzten Moment und rettet ihre Tochter. Wie eine Walküre. Das hat bei mir ein körperliches Gefühl ausgelöst – eine Erinnerung aus der Kindheit, die sich mit dem Gelesenen überlagert. Für die Inszenierung sehe ich Bilder, die wie Zaubertricks funktionieren: etwas, das man erst falsch liest und später neu versteht. Ein Raum, der frontal sein darf, aber nicht starr.
Viefhues: Was heißt das konkret für die Bühne – welche Bilder, Körper oder Klänge stellst du dir vor?
Wissert: Nebel. Sehr viel Blut – nicht naturalistisch, eher als opulentes Zeichen. Variationen von historischen Weiblichkeiten. Eine Seiltänzerin über der Bühne, wie ein Versprechen und eine Drohung. Livemusik, die den Rhythmus in den Körper verschiebt. Choreografie statt Kostümtricks. Und vielleicht ein Mädchenchor: Stimmen, die gleichzeitig unschuldig und unheimlich sind.
Viefhues: Carter ist gar nicht dauernd explizit. Sie setzt Angst und Schrecken frei, und dann passiert etwas Subtileres. Das könnte für den Abend ein Motor sein: Erwartung aufbauen – und dann verschieben.
Wissert: In der neuen Übersetzung von Die blutige Kammer hat Mithu Sanyal ein Nachwort geschrieben. Sie beschreibt, dass Carter Schichten freilegt, Motive aus klassischen Märchen aufgreift, sie neu deutet, manchmal sogar mehrfach. Sie wollte den latenten Inhalt der alten Geschichten freilegen und daraus neue Erzählungen entwickeln.
Viefhues: Sie kannte diese Tradition sehr genau: Sie hat Perrault übersetzt, die Grimms im Original gelesen, dazu Freud, Foucault, Barthes. Für sie waren Märchen Produkte ihrer Zeit – und deshalb veränderbar.
Wissert: Genau deshalb stellt sich für uns auch die Frage: Wer könnte so eine Überschreibung heute weiterschreiben? Also jemand, der sich mit Monstern, mit Gothic, mit Feminismus, mit Kolonialismus beschäftigt.
Viefhues: Und da landet man ziemlich schnell bei Şeyda Kurt.
Wissert: Deshalb dachte ich: Das wäre ein gutes Match. Jemand, der Carters Blick nicht kopiert, sondern erneut in die Gegenwart verschiebt. Weil es bei Carter ja auch ständig um Verschiebungen geht – nicht nur in den Figuren, sondern auch in der Zeit.
Viefhues: Und das ist so irre: Gleichzeitig sind die erzählten Zeiträume sehr komprimiert.
Wissert: Bei Die blutige Kammer hatte ich auch das Gefühl, es müssten Monate vergangen sein. Erst beim zweiten Lesen ist mir aufgefallen: Das kann gar nicht sein. Es müssen vielleicht drei Tage sein, weil die Mutter ja losfährt und genau rechtzeitig ankommt.
Viefhues: Genau. Und dazu kommen diese Schnitte. Ich bin plötzlich ganz nah „drin“ in der Figur, in einer inneren Bewegung – und dann wieder draußen, in einer äußeren Beschreibung.
Wissert: Während du das sagst, frage ich mich, ob es auch damit zu tun hat, dass sie mit meiner Erwartung an die Zeit spielt, in die sie mich versetzt.
Viefhues: Absolut. Ich lese ganz nostalgisch: Eisenbahn, Rauch, eine Insel, kalte Mauern – und plötzlich klingelt das Telefon, ein modernes Element. Und ich denke: Huch. Zurück in die Gegenwart. Und dann frage ich mich: Hat das etwas mit mir zu tun?
Wissert: Diese Verdichtung wollen wir nicht glätten, sondern spielen.
Viefhues: In welcher Rolle siehst du eigentlich das Publikum?
Wissert: Zuerst dachte ich: ein halbprivater, dunkler Raum, in dem ich die Geschichte allein erlebe. Dann: Vielleicht braucht es Bewegung, etwas, das man entdecken kann, gemeinsam als Gruppe. Ich möchte die Bewegung, die Angela Carter in ihren Texten erzeugt, auf das Publikum übertragen – als Reise durch Geschichten und Zeiten. Am Ende geht es darum, dass wir diese Geschichten nicht wie alte Märchen betrachten, sondern merken, dass sie jetzt passieren – vor unseren Augen, mit uns im Raum.