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Schauspiel 2020/21

Liebes Publikum,

wir werden uns im Theater sehen!

Während ich am Schreibtisch sitzend diesen Text schreibe, stelle ich mir vor, wie wir im Oktober auf die ersten Premieren anstoßen und gemeinsam mit Dir feiern. Ich frage mich, ob wir Andere sein werden, ob wir gelernt haben werden? Ob sich unser Blick auf uns und die Welt nachhaltig verändert haben wird? Ich denke darüber nach, wie wir in zehn Jahren auf diese Zeit blicken werden und ob Du dich erinnern wirst, wie das Theater der Ort war, an dem wir gemeinsam laut gedacht haben und die Ausnahmesituation, die wir erlebten,  reflektieren konnten.  

„It’s an artist's duty to reflect their times“, sagte die wunderbare Nina Simone. Mit diesem Anspruch haben wir einen Spielplan gemacht, der unseren Blick schärfen und den Fokus auf neue, bisher ungehörte Perspektiven legen soll.  

Zur Eröffnung möchten wir gemeinsam mit Dir eine Zeitreise machen und in 2170. Was wird die Stadt gewesen sein, in der wir leben werden? aus der Zukunft in unsere Gegenwart blicken. Wir werden mit der Regisseurin Mizgin Bilmen in die bedingungslose Welt Fausts eintauchen und sehen, wie der Wahn eines einzelnen Mannes die Leben aller um ihn herum zerstören kann. Wir werden mit dem Schauspieler und Regisseur Milan Peschel in die 1930er Jahre in den USA reisen und erleben, was Menschen zustößt, wenn Wirtschaftssysteme zusammenbrechen: Früchte des Zorns. Wir werden gemeinsam in La Chemise Lacoste auf dem Tennisplatz stehen, herausfinden, wie Neue Arbeit funktioniert, eine Band sein in Lust for Life oder einfach mal die Schönheit von Autos feiern. Einen Höhepunkt erleben wir dann am Ende der Spielzeit, wenn wir mit den Künstler:innen Sandra und Simonida Selimović aus dem Theater heraus ein eigenes, neues Land gründen. Wir werden gemeinsam essen, diskutieren und feiern. 

Ich weiß nicht, wie es Dir geht, aber ich kann Dir offen sagen, wir als Theaterschaffende sehnen uns nach Dir. Nur durch Dich werden wir wir. Und obwohl wir gerade getrennt voneinander sind, gehen wir doch alle gemeinsam durch diese Zeit. Wir sind verbunden in der Distanz.

Wir freuen uns auf Dich! Achte auf Dich und andere und bleib gesund. 

Deine Julia Wissert 

Weiterlesen DORTMUND 03.10.2170 vs. DORTMUND 03.10.2020 

Zur digitalen Version des neuen Spielzeitheftes mit dem Spielplan 2020/21 geht es hier: www.tdo.li/tdo2021.

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Zukunft ändern

Vor sechs Monaten haben wir begonnen, über die Zukunft nachzudenken: über die Zukunft des Theaters, die Zukunft der Stadt, die Zukunft von Dortmund, unsere Zukunft in Dortmund, und wir haben uns gefragt, wie man überhaupt über Zukunft nachdenken kann. Wann beginnt die Zukunft und wo bleibt sie, wenn sie vergangen ist? Wo lagert sich vergangene Zukunft ab? Liegt sie wie feiner Staub in den Rissen der Mauern, finden wir sie unter dem Pflaster?

Sicher waren wir, dass das Theater der richtige Ort ist, um Zukunft zu denken, denn im Theater können wir uns alles ausdenken. Wir können Zukünfte entwerfen und erfinden – und das alles nicht nur im Kopf, sondern spielend auf der Bühne. Wir zeigen Welten, die keiner zuvor gesehen hat. Dachten wir.

Doch was dann geschah, konnten wir uns nicht ausdenken. Heute, sechs Monate später, ist unsere Zukunft längst vergangen. Denn alles blieb stehen. Von einem Moment zum anderen. Plötzlich und unerwartet blieb alles stehen und nichts war wie zuvor. Alles ändert sich. Dachten wir.

Selten zuvor wussten wir so wenig über die Zukunft, dachten wir. Pläne, Programme und Prognosen scheinen plötzlich sinnlos zu sein, stumpf die Entwürfe und Theorien, die Systeme und die Sicherheit. Oder waren sie das immer schon? Haben wir nur geglaubt und gehofft, wir würden wissen und planen und kontrollieren? Wir stellen Fragen und merken, dass sie falsch sind.

Können wir im Herbst Theater machen? – Ja. Bestimmt. Aber: Wie gut, das zu wissen. Nur wenige Theatermacher:innen und Künstler:innen auf dieser Welt können sicher planen und arbeiten.

Werden wir noch Publikum haben? – Das weiß man nie. Hoffentlich. Oder Partner:innen. Kollaborateur:innen.

Werden wir unsere Arbeit behalten?  - Wir schon. Erst mal. Andere nicht.

Was wird Arbeit in Zukunft sein? – Andere Frage: Welche Arbeit wollen und brauchen wir in Zukunft?

Werden wir in Zukunft noch Stadttheater haben?  - Hoffen wir. Wenn die Stadt uns braucht.

Theater sind systemrelevant! – Für welches System?

Theater sind relevant! – Für wen?

Corona ändert nicht die Welt, sie hält sie an und erlaubt uns einen langen, scharfen Blick. Einen Blick auf ein Karussell, das sich sonst rasend schnell dreht und von dem wir nichts als die bunten Lichter vorbei rauschen sehen, doch hält es an, erkennen wir scharfe Kanten. Corona macht sichtbar, was zu übersehen so leicht war in all dem Lärm der falschen Hoffnungen und gutgemeinten Absichten. Ungleichheit und Ungerechtigkeit, Privilegien  und Hierarchien, Macht und Ohnmacht, Gewinner und Verlierer  - all das tritt zu Tage. Wird sichtbar. Mehr ist nicht passiert. Ob sich was ändert, liegt an uns.

Sabine Reich