Carola Bühn: Fast von Beginn unserer Gespräche an stand im Raum, Shakespeares Ein Sommernachtstraum im Rahmen der IGA als Koproduktion zu realisieren. Wie sind wir darauf gekommen?
Friederike Faas: Für die IGA 2027 ist dieses Projekt ein echtes Geschenk. Wir haben uns einen Stoff gewünscht, der unser Publikum unmittelbar abholt – mit großer Literatur, sinnlichen Bildern und Humor. Ein Sommernachtstraum steht für diese verbindende Erzählung und passt natürlich zur Kulisse, den Zukunftsgärten Dortmund rund um die Kokerei Hansa, mit ihren grünen Freiräumen.
Bühn: Das ist ein schöner Begriff – bei Shakespeare sind diese grünen Freiräume Schauplatz für verspielte und komische Verschiebungen von Wahrnehmung, Beziehungen und Gewissheiten; vielmehr gerät jegliche Ordnung durch Naturkräfte und Zauberblumen durcheinander. Shakespeares Ein Sommernachtstraum ist uns unter freiem Himmel möglicherweise näher, als es in einem geschlossenen Raum sein könnte.
Faas: Und auch das Publikum ist ganz nah dran?
Bühn: Definitiv. Theater findet hier nicht in Abgrenzung statt, sondern in unmittelbarer Verbindung mit seiner Umgebung und mit den Menschen, die da sind. Genau darin liegt eine große Nähe zur IGA 2027, die ihre Landschaften als gestalteten und zugleich offenen Erfahrungsraum versteht.
Faas: Auch das Motiv des Aufbruchs, das Shakespeares Liebespaare ins Grüne treibt, passt perfekt zur Idee der IGA: Wir laden unsere Besucher*innen ein, neue Perspektiven auf Landschaft, Stadt und Zusammenleben zu entdecken. Der Zukunftsgarten Dortmund der IGA 2027 ist offen, großzügig und gleichzeitig eingebettet in eine Landschaft, die schon für sich eine starke Atmosphäre mitbringt – und das mitten in einem der eindrucksvollsten Orte des Ruhrgebiets. Die ehemalige Kokerei Hansa erzählt von industrieller Vergangenheit, der neu entstehende Kokereipark von Zukunft, Transformation und neuer Nutzung.
Bühn: Alles ist da und wirkt mit … Diese Offenheit verändert auch die Art, wie wir Theater erleben.
Faas: Ja, das liegt am besonderen Zauber des Ortes. Wir haben hier keinen klassischen Publikumsraum, sondern einen Ort, der sich verwandeln darf: zwischen rauer Industriearchitektur und wachsendem Grün, zwischen Geschichte und Gegenwart …
Bühn: Diese Durchlässigkeit wird Teil des Konzepts. Shakespeares Komödie verbindet große Emotionen, poetische Sprache und humorvolle Momente. Unsere Inszenierung richtet sich sowohl an Besucher*innen der IGA, die den Ort im Laufe ihres Tages erkunden, als auch an Menschen, die gezielt für das Theaterstück kommen. Der offene Spielort ermöglicht es, zufällig dazuzukommen, zu verweilen und sich bewusst auf die Aufführung einzulassen. Diese Vielschichtigkeit schafft Anknüpfungspunkte für Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen, Erwartungen und Zugängen zu Theater – unabhängig davon, ob sie regelmäßig Aufführungen besuchen oder Theater vielleicht an diesem Ort zum ersten Mal erleben.
Faas: Dieses vielfältige Publikum ist einer der größten Schätze der IGA 2027. Wir planen grundsätzlich so, dass sich Menschen mit ganz unterschiedlichen Interessen willkommen fühlen – vom leidenschaftlichen Theaterfan bis zur Familie, die einen schönen Tag im Grünen verbringen wollen. Bei dieser Produktion ist das besonders schön: Man kann gezielt kommen, man kann zufällig bleiben, man kann neugierig werden. Für uns bedeutet das, Schwellen möglichst niedrig zu halten und gleichzeitig ein künstlerisch hochwertiges Erlebnis zu bieten.
Bühn: Vielleicht sogar ein nachhaltiges Erlebnis mit Perspektiven für die Zukunft?
Faas: Absolut. Wenn Theater Teil einer Gartenschau wird, verändert sich der Rahmen und damit auch die Wahrnehmung. Die IGA 2027 ist als Ausstellung bewusst nicht linear gedacht, sondern als offener Erfahrungsraum, der sich an der Frage orientiert: Wie wollen wir morgen leben? Besucher*innen bewegen sich, verweilen, entdecken in ihrem eigenen Tempo und begegnen an unterschiedlichen Ausstellungsorten jeweils eigenen, innovativen Antworten auf diese zentrale Zukunftsfrage.
Bühn: Und jede Vorstellung ist anders und hält unterschiedliche Eindrücke bereit: Licht, Temperatur, Wind oder auch ein sich verändernder Himmel lassen sich nicht beeinflussen – sie sind Teil des Abends und prägen jede Aufführung auf ihre eigene Weise.
Faas: Wie geht Ihr mit dieser Offenheit um? Open-Air-Produktionen gehören bei einer Gartenschau zum Alltag und sind doch jedes Mal neu. Insofern kann ich mir vorstellen, mit welchen Fragen Ihr Euch auf das Schauspiel im Zuge der Konzeption beschäftigt …
Bühn: Das ist spannend, klar gehen wir mit Bedingungen um, die sich nicht vollständig planen lassen. Das Wetter spielt dabei eine zentrale Rolle – jede Vorstellung findet unter anderen Voraussetzungen statt, auf die wir flexibel vorbereitet sein müssen. Auch das Publikum bewegt sich frei auf dem Gelände, kommt an, verweilt oder zieht weiter. Diese Offenheit ist Teil des inszenatorischen Gesamtkonzepts und wird organisatorisch wie künstlerisch mitgedacht. Gleichzeitig entsteht vor Ort eine eigene Infrastruktur – für Technik, Maske, Kostüm, Requisite und alle künstlerischen Mitwirkenden, einschließlich geeigneter Arbeits- und Umkleidesituationen sowie angepasster Materialien und Abläufe. Die nicht vollständige Planbarkeit ist dabei nicht nur eine Herausforderung, sondern auch eine besondere Qualität dieser Produktion.
Faas: Das würde ich auch so beschreiben, es ist eine besondere Qualität und Atmosphäre, welche die temporären Ausstellungen und das Gelände rahmen. Und diese Atmosphäre bahnt sich auch schon in unserer Kommunikation an, die von großer gegenseitiger Wertschätzung geprägt und sehr verbindlich ist, damit ein Zusammenspiel entsteht, das für die Zuschauenden mühelos und selbstverständlich wirkt.
Bühn: Das nehme ich genauso wahr und wir sind sehr dankbar, dass ihr den landschaftlichen und organisatorischen Rahmen öffnet, sodass das Schauspiel gemeinsam mit einem künstlerischen Team eine begeisternde Vision umsetzen kann. So entsteht ein Ort, an dem sich Kunst, Landschaft und Öffentlichkeit zusammenfinden.
Faas: Diese Koproduktion ist ein Höhepunkt im IGA-Programm, weil sie viele unserer Ziele bündelt: die Aktivierung eines besonderen Ortes, die Verbindung von Landschaft und Kultur und die Öffnung für ein breites Publikum. Sie zeigt, wie die IGA 2027 Kultur als Teil von Stadtentwicklung versteht – nicht als Zusatz, sondern als integralen Bestandteil.