von Bertolt Brecht
Dramaturgin Sabrina Toyen über Die heilige Johanna der Schlachthöfe
In der Regie von Ariane Kareev entwickeln wir im Herbst 2026 eine Neuinszenierung von Brechts Die heilige Johanna der Schlachthöfe in einer Spiegelstruktur, also in einer Parallelführung vom Anfang und vom Ende. Das bedeutet, unser Publikum kann Brechts Drama in gleich zwei Versionen erleben, die verschiedene Perspektiven auf seine Figuren ermöglichen. Den ästhetischen Rahmen entwickelt unter anderem die Bühnenbildnerin Lina Oanh Nguyễn in der Waschkaue, Kompressorenhalle und auf dem Gelände der Kokerei Hansa.
Die heilige Johanna der Schlachthöfe zeigt eine Welt, in der wirtschaftliche Machtverhältnisse Mitgefühl zur Ware machen und moralische Verantwortung systematisch unterlaufen wird. Brecht platziert das Stück inmitten einer Gesellschaft, in der Ausbeutung, Ungleichheit und ideologische Verbrämung ineinandergreifen und soziale Gewalt als notwendige Ordnung erscheinen lassen. Johanna steht im Zentrum dieses Gefüges als Suchende nach Gerechtigkeit – und scheitert an Strukturen, die individuelles Handeln überfordern.
Wir verorten diese Erzählung in Räumen industrieller Geschichte, in denen sich Fragen von Arbeit, Macht und Verantwortung bis in die Gegenwart fortschreiben. Die Orte der Handlung – die Schlachthöfe Chicagos, die Viehbörse und der Sitz der Schwarzen Strohhüte – werden durch die Ortsspezifik zur begehbaren Installation am Schauplatz der Arbeitswelt im Industriezeitalter des Ruhrgebiets. Die Struktur der Spiegelung, die das Stück durchzieht, lässt die Handlung wie ein Perpetuum Mobile wirken: Figuren, Konflikte und Machtmechanismen drehen sich virtuos um sich selbst, gesellschaftliche Kreisläufe wiederholen sich, und das Publikum wird Zeuge von präziser Bewegung und zyklischer Dynamik – ein dramaturgisches Echo der gesellschaftlichen Mechanismen, die Brecht beschreibt.
Mit einem großen Ensemble, dem Dortmunder Sprechchor und Zirkusartist*innen wird Ariane Kareev Brechts Bühnenfassung als bewegendes Spektakel in Szene setzen. Dem Dortmunder Publikum hat die Regisseurin sich bereits in der vergangenen Spielzeit mit der Inszenierung von Antigone vorgestellt. Die Tragödie von Sophokles in einer Bearbeitung von Roland Schimmelpfennig verhandelt die Grenzen von öffentlichem Recht und göttlicher Ordnung und wurde in Ariane Kareevs Inszenierung mit formstarken Akzenten versehen.
Nun freuen wir uns sehr, den vielschichtigen und brachialen Klassenkampf des Brecht-Klassikers in ihrer Handschrift zeigen zu dürfen – als ein Perpetuum Mobile aus Figuren, Konflikten und gesellschaftlicher Dynamik, das Zuschauende in den Sog der Handlung zieht und die Endlosigkeit sozialer Mechanismen spürbar macht.
Regie
Ariane Kareev
Dramaturgie
Sabrina Toyen