Schauspiel Dortmund

Spielzeit 26|27

Liebes Publikum!

was ist Heimat, wenn sie kein Besitz ist, kein fester Punkt auf der Landkarte, kein nostalgischer Rückzugsort? Was, wenn Heimat heute vor allem eins ist: ein Verhältnis zur Gegenwart – zu Krieg, Vertreibung und politischer Verfolgung, zu Brüchen in Biografien, zu Widersprüchen in Familiengeschichten, zu Spannungen in Städten? Dann wird Heimat nicht ruhiger, sondern unruhiger. Nicht eindeutiger, sondern plural. Und gerade deshalb erzählenswert.

Diese Spielzeit 2026/27 ist für das Schauspiel Dortmund auch ganz praktisch eine Zeit des Übergangs: Wir gehen in eine Interimsphase. Und wir nutzen sie künstlerisch. Wir arbeiten an Orten, die selbst von Wandel erzählen – im ehemaligen Kaufhaus C&A im Herzen der Stadt und auf der Kokerei Hansa. Räume, die Geschichte gespeichert haben: Arbeit und Industrie, Konsum und Leerstand, Umnutzung und Aufbruch. Dort entsteht Theater nicht trotz des Provisorischen, sondern im allerbesten Sinn aus ihm heraus.

Wir realisieren acht Produktionen, Festivals und ein vielgestaltiges Rahmenprogramm – an drei Orten in der Stadt. Künstler*innen, die wir erneut einladen, kehren nach Dortmund zurück, um mit uns ausgefallene, zeitgenössische Formen zu erproben. Gleichzeitig stellen wir Ihnen renommierte Theaterschaffende neu vor: Stimmen, die Veränderung nicht als Schlagwort verstehen, sondern als konkrete Arbeit – in Ästhetik, Zusammenarbeit und Zugang.

Heimat ist nicht neutral. Sie schafft Nähe – und sie kann verletzen. Sie stiftet Zugehörigkeit – und produziert Ausschluss. Darum fordert sie zur Positionierung auf, auch auf der Bühne. Wir kennen die Spuren, die Konflikte und Umbrüche in privaten Räumen hinterlassen. Im Theater suchen wir Formen, um sie zu erzählen: mit Mitgefühl, aber ohne Vereinfachung; mit Reibung, aber ohne Zynismus. Wie erzählen wir davon, ohne zu glätten? Wie entsteht Verantwortung im gemeinsamen Raum?

Einen radikalen Vorschlag dafür macht die Autorin Octavia E. Butler. In Parable of the Sower (1993) denkt sie Hyperempathie als Erfahrung, die Grenzen durchlässig macht: Schmerz und Freude anderer werden körperlich spürbar. In ihren provisorischen, zugleich spektakulären Science-Fiction-Welten wird Heimat nicht geographisch festgeschrieben, sondern als Ort des Widerstands erfahrbar – und als Möglichkeit, sich zu verändern. Heimat als Praxis: sich verbünden, sich neu erfinden, sich behaupten.

In diesem Sinne sehen wir einer Spielzeit entgegen, in der erstaunliche Science-Fiction-Stoffe und prominente Frauenfiguren aufeinandertreffen – und in der wir politische, soziale und ästhetische Räume gemeinsam gestalten: auf Bühnen, in Hallen, in Zwischenräumen, im Gespräch mit der Stadt.

Zum Schluss zwei künstlerische Schwerpunkte: Im Sommer 2027 – zum Ausklang der Spielzeit – präsentieren wir in Koproduktion mit der Internationalen Gartenausstellung (IGA) Shakespeares Sommernachtstraum als poetische Performance inmitten der Ausstellungslandschaft. Und unter dem Titel Theater für Viele verstetigen wir in der kommenden Spielzeit die Zusammenarbeit mit herausragenden Künstler*innen und Expert*innen für Inklusion – damit Teilhabe noch stärker in den Wurzeln unseres Programms verhaftet wird.

Willkommen in der Spielzeit 2026/27.

Ihre
Julia Wissert
Intendantin Schauspiel Dortmund