Schauspiel • Ab der Spielzeit 2026|27

Die blutige Kammer

von Angela Carter, übersetzt von Maren Kames • in einer Bearbeitung von Şeyda Kurt

Radikale Märchen

Märchen sind oft unsere erste Heimat: ein Ort aus Bildern, Rollen und Versprechen, den wir früh betreten – und der uns ein Leben lang begleitet. Sie geben Angst, Begehren und Verlust eine klare Form und liefern Bilder, an denen wir uns orientieren und abarbeiten. Für viele Leser*innen war Angela Carters Werk die erste Begegnung jenseits des Realismus – ein erster Schritt hinaus aus der vertrauten Ordnung der Wirklichkeit.

Angela Carter (1940-1992) sprengt in Die blutige Kammer (1979) die Konventionen klassischer Märchen. Ihre literarischen Umschriften verwandeln ikonische Bilder und Erzählfiguren in ein Terrain voller Risse und Hintertüren – komisch, grausam, sinnlich und immer politisch. Es geht um Körper, Blickregime und Macht.

In diesem Kosmos aus Opulenz, Fleischlichkeit und Gothic-Atmosphäre übernehmen vor allem die Frauen die Handlung. Die mutige Mutter, die ihre Tochter vor dem Tod bewahrt oder die „Schöne“, die ihre eigene Animalität entdeckt. Carter schreibt gegen das Klischee an und entlarvt die Mechanismen von Herrschaft in einer poetischen, bildmächtigen Sprache.

Im Zentrum des Abends stehen ihre Variationen von Die Schöne und das Biest: keine Zähmung, sondern Subversion. Verwandlung bedeutet hier nicht Rückkehr zur Ordnung, sondern Aufbruch ins Unbekannte – dorthin, wo Begehren, Angst und Freiheit sich begegnen.

In Dortmund kommt Die blutige Kammer erstmals in neuer deutscher Übersetzung als Uraufführung auf die Bühne. Regisseurin Julia Wissert überführt Carters radikale Bildkraft, ihren Humor und ihre Lust an der Zumutung in eine theatrale Gegenwart – einen Bühnenraum zwischen Märchen, Horror und Jetztzeit, der sich dem Publikum Schicht für Schicht erschließt.

Intendantin und Regisseurin Julia Wissert im Gespräch mit Dramaturg Jasco Viefhues über Angela Carters Die blutige Kammer

Die blutige Kammer Zum Interview mit Julia Wissert

Besetzung

Regie Julia Wissert
Dramaturgie Jasco Viefhues