Uraufführung • nach dem Buch von Gamze Kubaşık, Semiya Şimşek und Christine Werner
Im April 2006 wird Mehmet Kubaşık in seinem Kiosk in Dortmund vom Nationalsozialistischen Untergrund ermordet. Die folgenden Jahre sind nicht nur von Verlust geprägt, sondern von einem zweiten Gewaltakt: Ermittlungen richten sich gegen die Familien der Ermordeten, rassistische Narrative überlagern die Suche nach den Tätern. Was in den Ermittlungsakten als Beweisaufnahme erscheint, wird für die Angehörigen zur Erfahrung institutionellen Misstrauens.
Am 9. September 2000 wurde Enver Şimşek an seinem mobilen Blumenstand in Nürnberg angeschossen, zwei Tage später starb er an den Folgen des Attentats. Sein Mord war der erste einer Serie rechtsterroristischer Verbrechen des Nationalsozialistischen Untergrunds.
Aus der Perspektive der Töchter erzählen Gamze Kubaşık, Christine Werner und Semiya Şimşek in ihrem Buch Unser Schmerz ist unsere Kraft davon, wie sich rassistische Gewalt in Erinnerungen, Familiengeschichten und Biografien einschreibt. Im Zentrum stehen die Leben vor den Morden, die Zäsur des Verlusts und die Jahre danach – geprägt von Trauer, behördlichen Ermittlungen und dem beharrlichen Ringen um Aufklärung und Anerkennung. So entsteht eine Erzählung, die die bekannten historischen Ereignisse um jene Perspektiven erweitert, aus denen ihre gesellschaftliche Tragweite erst sichtbar wird.
Gemeinsam mit Ensemblemitgliedern und Menschen aus Dortmund nimmt Bassam Ghazi das Buch zum Ausgangspunkt einer Auseinandersetzung mit der Gewalt der Gegenwart. Seine Inszenierung verortet ihre Kraft gerade darin, dass sie Erinnerung nicht bewahrt, sondern gemeinsam mit Menschen aus Dortmund in einen Bühnenraum übersetzt – als Erfahrung, die Beziehungen stiftet, Wissen vermittelt und Verantwortung einfordert.
Regie Bassam Ghazi
Bühne Karolina Wyderka
Kostüme Maria Lucia Otalora
Dramaturgie Sabrina Toyen