Ein multisensuales Poem nach dem Stück von Elfriede Jelinek
Winterreise ist eine poetische Reise zwischen Musik, Gedanken und Gefühlen: Elfriede Jelinek ergründet in ihrem Text die Themen Vergänglichkeit, Fremdheit und Zugehörigkeit – inspiriert von Franz Schuberts gleichnamigem Liederzyklus. „Wir sind da, indem es uns fortzieht. Indem es uns woanders hinzieht, sind wir sogar ganz besonders da“, schreibt Jelinek und verbindet intime Selbstreflexion mit sozialer Analyse. Ohne feste Handlung entfaltet sich der Text in einer intensiven, existenziellen Tiefe.
In der Dortmunder Inszenierung wird der Text zum Anlass für eine sinnliche und politische Spurensuche. Eine gemeinsame Suche nach neuen Formen des Ausdrucks, der Übersetzbarkeit von Sprache und Gefühlen und der gemeinsamen Anknüpfungspunkte - irgendwo zwischen Lautsprache, Gebärdensprachkunst, Bewegung, Musik und visuellen Mitteln. Gemeinsam mit einem Ensemble aus Tauben¹ und hörenden Künstler*innen erforscht die Regie die Welt der Winterreise und beleuchtet dabei Jelineks virtuose Sprache und ihre zerbrechlichen Landschaften auf eine ganz eigene und neue Weise. Während Schuberts Liederzyklus Winterreise die verweifelte Wanderung eines Mannes durch die winterliche Landschaft thematisiert, wird Jelineks Winterreise zu einer Partitur der Einsamkeit.
¹ Das Adjektiv ‹Taub› wird in Großschreibung verwendet. Es handelt sich dabei um eine Selbstbezeichnung von »Menschen, die sich den Gebärdensprachen, den Gemeinschaften und Kulturen der Gehörlosen verbunden fühlen.«
Hinweise zu sensiblen Inhalten und sensorischen Reizen.
Weitere Termine folgen.
Regie und Bühne
Zino Wey
Kostüme
Pascale Martin
Musik
Lukas Huber
Access-Dramaturgie
Franziska Winkler
Dramaturgie
Sabrina Toyen
Theatervermittlung
Sarah Jasinszczak
Licht/Video
Stefan Gimbel
Ton
Robin Lockhart
Regieassistenz
Madita Scülfort
Ausstattungsassistenz
Slynrya Kongyoo
Inspizienz
Monika Gies-Hasmann
Soufflage
Fiona Holl
Sprechtraining
Sybille Krobs-Rotter
„Mit der Inszenierung ‚Winterreise‘ riskiert der Regisseur Zino Wey etwas. Ausgerechnet der komplexe Text der literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek (...) wird zum Ausgangsmaterial für ein ‚multisenusal Poem‘, zu einer integrativen Performance für hörende und Taube Schauspieler. Und obwohl das bei einer Spieldauer von gerade eineinviertel Stunde erheblich Kürzungen erfordert, funktioniert es frappierend gut.
Der Abend schafft immer wieder starke Bilder, zum Beispiel wenn sich Rafael-Evitan Grombelka und Roberto Romeo gegenüber sitzen in altmodisch gemusterten Pullundern, unter die sie sich andere Kleidungsstücke stopfen, sodass sie zu ausgepolsterten Biederfiguren werden, zuweilen wie ein siamesischer Zwilling. Romeo spricht von Familienverhältnissen, Grombelka gebärdet.
Der Abend funktioniert durch die gediegene Vortragskultur der sprechenden Aktuere. Und weil die Gesten, das subtile Fingerspiel, die Armschwünge, die expressiven gesichtbewegungen auch denen etwas sagen, die die Gebärdensprache nicht beherrschen.“
„Jelineks Text ist eine frühe, aus heutiger Sicht geradezu prophetische Auseinandersetzung mit einer Mob-Mentalität, die in den sozialen Medien, aber auch im politischen Diskurs mittlerweile immer häufiger den Ton anzugeben scheint. Eben diesen visionären Aspekt der Vorlage betont Zino Wey durch seinen Umgang mit ihr. Das Ineinander von Laut- und Gebärdensprache erzeugt gerade in diesem Moment eine enorme Dringlichkeit. Wie die Performer*innen mit ganz unterschiedlichen Mitteln und Sprachen ihren Platz im Licht der Kamera beanspruchen, wirft ein erhellendes Licht auf die Widersprüche innerhalb all der Debatten über Meinungsfreiheit und Sichtbarkeit.
Weys Inszenierung sucht nicht nur nach Bildern für die sprichwörtlichen Jelinek-Textflächen. Sie verwendet sie vielmehr als eine Art Sprungbrett für seine Fantasie und die des Ensembles. Zusammen mit den beiden Tauben Künstlern Rafael-Evitan Grombelka und Eyk Kauly sowie den drei Dortmunder Ensemblemitgliedern Linda Elsner, Marlene Goksch und Roberto Romeo schafft Zino Wey so poetische wie kluge Theatermomente, die einen immer wieder von neuem überraschen.
Aber Wey und sein Ensemble überwinden das so allgegenwärtige Gefühl von Einsamkeit, das sich in dem von Wey selbst entworfenen Bühnenbild in einem umgestürzten 5G-Mast manifestiert, der nichts mehr sendet, nicht nur in poetischen Momenten und Szenen. Ihr inklusiver Ansatz, bei dem sich Taube Künstlerinnen und die Mitglieder eines Stadttheater-Ensembles auf Augenhöhe begegnen, setzt ein grundlegendes Zeichen für gemeinschaftliches Leben und Arbeiten. Laut- und Gebärdensprache stehen in ‚Winterreise‘ gleichberechtigt nebeneinander. Nichts wird einfach übersetzt. Die beiden Sprachen behalten ihre Eigenständigkeit und lenken die Wahrnehmung des Publikums auf ihre jeweils eigene Poesie.
Es bleiben Lücken und damit ein Raum für eine andere Form des Verstehens, eine intuitive, poetische Form, die Brücken baut und nicht nach Aufmerksamkeit giert.“