Ein wahres Schauermärchen • von Sam Max • Deutsch von Robin Detje
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‚Pidor‘ und der Wolf Jetzt reinhören
‚Pidor‘ und der Wolf spinnt eisige Fäden zwischen der Geschichte von Peter und dem Wolf, Peters Frau und ihrem Sohn, Peters heimlicher Jugendliebe Ilya und einem brutalen System der Verfolgung und Ermordung homosexueller Männer in der russischen Republik Tschetschenien. Prokofjews Musikmärchen hat eine russische Landschaft zum Schauplatz, Sam Max überblendet die Märchenmotive mit albtraumhaften Szenen, die zwischen Tragödie und Dystopie-Panorama zirkulieren. Peters Sohn erzählt die Geschichte seiner Familie: Am Vorabend seines achten Geburtstags wird die Familie von Peter verlassen. Dieser fährt zu einem Mann – dem Wolf – um mit ihm zu schlafen. Der Wolf entführt im Auftrag der Regierung homosexuelle Männer, um sie zu foltern und zu ermorden. In Haft trifft Peter auf seine heimliche Jugendliebe Ilya. Acht Jahre später und auf dem Höhepunkt der Katastrophe begegnet Peters Sohn seinem Vater erneut.
Regisseurin Jessica Weisskirchen inszeniert ein bildstarkes Panorama der Gewalt in mitunter poetischen Begegnungen und melodischen Albtraumsequenzen. Sie inszeniert u. a. am Volkstheater München, am Staatstheater Darmstadt, am Staatstheater Hannover und am Deutschen Theater Berlin. Dem Dortmunder Publikum ist sie bestens bekannt, durch ihre Inszenierungen von Woyzeck und Queens.
Queer Landscape Arthouse
Am Sonntag, 22.03., zur letzten Vorstellung von ‚Pidor‘ und der Wolf laden wir Sie ein, uns in die Schauburg Dortmund zu folgen – und dann wieder zurück. Unsere Ape(lina) erwartet Sie an beiden Orten vor der Vorstellung.
15:00 Uhr Einführung in der Schauburg
15:20 Uhr God’s Own Country, Tickets im VVK bei der Schauburg ▶
17:30 Uhr Einführung im Schauspiel Dortmund
18:00 ‚Pidor‘ und der Wolf
Hinweis
‚Pidor‘ ist ein beleidigender Begriff für homosexuelle Männer aus dem russischen Sprachraum. Es ist uns wichtig die gewaltsame Realität, die der Begriff mit sich bringt im Stück zu thematisieren. Der Begriff ist nicht Teil unserer alltäglichen Sprache. Wir möchten damit auch dazu einladen kritisch mit diesem Begriff umzugehen.
Queer Landscape Arthouse: Ab 15 Uhr Begleitprogramm in der Schauburg – Lichtspiel und Kunsttheater ▶
Peter
Luis Quintana
Wolf
Lukas Beeler
Peters Frau
Antje Prust,
Beatrice Masala
Peters Sohn
Viet Anh Alexander Tran
Ilya
Ekkehard Freye
Peters Sohn (Kind)
Leonie Schraven,
Malik Aybey,
Josua Rieger
Cellist
Tobias Sykora
Wolfschor Assiba Akoho, Umut Can-Cansit, Jörg Karweick, Billa Malz, Sylvia Reusse, Christian Scheid, Alexander Siemens, Roman von Götz
Regie
Jessica Samantha Starr Weisskirchen
Ausstattung
Wanda Traub
Choreografie
Hannes-Michael Bronczkowski
Musik
Chiara Strickland
Dramaturgie
Sabrina Toyen
Theatervermittlung
Sarah Jasinszczak
Licht/ Video
Stefan Gimbel
Ton
Gürkan Erdogan
Regieassistenz
Jasmin Johann
Bühnenbildassistenz
Constanze Kriester
Kostümassistenz
Soraya Ouderhm
Inspizienz
Monika Gies-Hasmann
Soufflage
Fiona Holl
Sprechtraining
Sybille Krobs-Rotter
„Jessica Weisskirchens bildmächtige Uraufführung ist packende Analyse und Anklage zugleich.
Einmal in Gestalt des Kindes, eines in der Premiere von Malik Aybey extrem souverän und intensiv verkörperten Jungen, der am Vorabend seines achten Geburtstages miterleben muss, wie sein Vater aus seinem Leben verschwindet.
(…) die Ekkehard Freyes Ilya in einer stilisierten Szene brutal zusammenschlagen. Diese von Weisskirchen ersonnene Traumsequenz ist zugleich eine Vorahnung und ein überaus eindringliches Bild für das System, das Sam Max und die Inszenierung nachzeichnen.
Im zweiten Teil des Abends wird Weisskirchen dann noch expliziter in ihrer Anklage. Die Geburtstagsfeier in der Taverne wird zu einer an Luchino Viscontis ‚Die Verdammten‘ erinnernden Orgie, in der faschistische Gewalt und Sex, jede Form von Gier und Missbrauch praktisch verschmelzen. Nun tragen Peters Sohn und das noch einmal auftretende Kind ebenso wie zuvor schon der Wolfschor Variationen einer schwarzen Uniform, die mit ihrer Koppel deutlich auf die Uniformen von Mussolinis Faschisten verweist und sie zugleich ironisch bricht.
So interpretiert Jessica Weisskirchen Sam Max' Stück kongenial aus dem Geist von Klaus Theweleits berühmtem Buch ‚Männerfantasien‘ und verwandelt dieses viel zu wahre Schauermärchen in ein überaus eindringliches Porträt faschistischer Systeme, das hier ein Kind gegen all seinen Willen und seine Anlagen in ein weiteres Rädchen seiner Maschinerie verwandelt.“
„Sam Max‘ Geschichte ist ein bitterböses Schauermärchen mit brutalem, realen Kontext.
Regisseurin Jessica Weisskirchen inszeniert diese offen klaffende Gewalt mit viel bildlicher Durchschlagskraft.
Wenn der Wolf Peter über eine Dating-App manipuliert, nimmt er auch körperlich die Verfolgung auf, folgt ihm schleichend auf der Drehbühne. Wenn Peter zu seinem Sexdate aufbricht und seine Familie zurücklässt, hat man durch eine optische Illusion im Publikum das Gefühl, mit dem Zuhause zu Boden zu fallen.
Währenddessen schafft Ausstatterin Wanda Traub eine düstere Symmetrie auf der Bühne, die dem Schrecken eine Art schaurige Ästhetik verleiht, aber auch die gesellschaftliche Starre und Gefühle der Darstellenden verdeutlicht.“
„Eindringliche Darstellung erhält starken Beifall.
‚Pidor‘ und der Wolf: Hochpoetisch und beklemmend
Die Inszenierung, deren märchenhafter Charakter durch Wanda Traubs fantasievolle Ausstattung enorm verstärkt wird, arbeitet fernab politischer Kommentierung vor allem die emotionale Tiefe aller betroffenen Figuren heraus, und diese Wirkung ist umso stärker, als in wichtigen Momenten sowohl Peter als der 18-jährige Sohn über sich selbst, über Ereignisse und Empfindungen berichten – allerdings nicht in der subjektiven Ich-Form, sondern gleich einem distanzierten, objektiven Beobachter, in der dritten Person. Ganz starker Beifall.“
„‚Pidor‘ und der Wolf von Sam Max feiert bildmächtige Uraufführung im Schauspiel Dortmund als Albtraumhaftes Spiel. (…) Im großen Haus feierte das Stück nun am Samstagabend eine bildermächtige Premiere.“
„Man sieht ein episches Theater, bei dem Peters Sohn als Erzähler fungiert. Dabei überlagern sich verschiedene Zeitebenen, man sieht zum Beispiel parallel Peters zurückgebliebene Familie und Peter im Taxi auf dem Weg zum Rendezvous. Das gibt dem knapp zweieinhalbstündigen Abend eine surreale Atmosphäre, man weiß nicht, ob etwas wirklich geschieht oder ob es nur Vorstellung ist.
Ausstatterin Wanda Traub setzt die beklemmende Gesellschaft prägnant ins Bild. Anfangs steht ein stilisiertes, bis in die letzte Ecke einsehbares Häuschen zwischen weihnachtsmärchenhaften Baumsilhouetten, ständig fällt Schnee.
Das Ensemble agiert eindringlich. Luis Quintana setzt das Zwanghafte, das Gestörte in Peter in eine verhuschte Haltung um, er weicht ständig aus, wenn er nicht ganz erstarrt. Dieser Mann darf sich nicht zeigen, er verkörpert Angst.
Antje Prust ist seine ungeliebte Frau, die seine geheimen Neigungen längst durchschaut hat. Ihre Hand zittert gelegentlich, immer wieder steckt sie eine Zigarette an, sie schlingt Kuchen in sich hinein. Hungrig auf Essen und auf Leben, unerfüllt.
Lukas Beeler ist nicht nur Wolf, er ist Alphatier, Rudelführer, setzt Regeln. Wenn am Ende Peter und sein Sohn aufeinandertreffen, spielt Beeler ohne ein Wort den Intriganten, der diesen Konflikt zwischen seinen Opfern auskostet, nur mit Blicken und süffisantem Grinsen.
Viet Anh Alexander Tran zeigt die Enttäuschungen und Verletzungen des Sohns, die sich am Ende in Wut entladen.
Der Ilya von Ekkehard Freye ist Peter im Leiden voraus, resigniert, abgeklärt.
(…) zeigt sich das Schauspiel Dortmund mit diesem Abend auf der Höhe der Zeit. Einer der Hauptangriffspunkte von Demokratiefeinden, in Russland wie in Trumps USA, ist die Toleranz gegenüber sexueller Identität. ‚Pidor und der Wolf‘ ist ein starkes Plädoyer gegen Gewalt und für Empathie. Großer Beifall bei der Premiere.“
„Auch wenn es wahrlich keine leichte Kost ist – die Aufführung besticht durch das intensive und körperbetonte Spiel der Darsteller, die fantasiereiche, variable Ausstattung (Wanda Traub) und immer wieder durch eindrucksvolle Bilder.
Natürlich lebt die Inszenierung auch von der Musik Chiara Stricklands und dem live aufspielenden Cellisten, besonders aber von den souverän agierenden Schauspielern, (…) die sich aber ansonsten voll in jede Situation reinhauen mit Leib und Seele.
Der Chor der Wölfe ist großartig choreografiert und in Szene gesetzt; (…).
Ein außerordentlicher Abend: anstrengend, aber unbedingt sehenswert.“