Schauspiel • Ab Januar 2024

Der Ring des Nibelungen

Die Afterhour der Geschichte • Von Necati Öziri

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Der Ring des Nibelungen

„Darf ich, bei dem zuhause kein Klavier rumstand, nicht mal ne Blockflöte, bei dem den ganzen Tag Super RTL lief, dem abends keine Mythen vorgelesen wurden, für den Wagner eine Tiefkühlpizza der gehobenen Preisklasse war …? Darf ich bei ‚dem Ring‘ überhaupt mitmachen?“

Diese Gedanken gehen Arda durch den Kopf, als Arda eine Rolle in Wagners Ring angeboten wird. Necati Öziri hat sich mit Richard Wagners Kosmos, überwältigender Musik und Erzählung auseinandergesetzt und liefert uns eine längst notwendige Überschreibung, indem er uns die Frage nach der deutschen Identität mit aufrüttelnder Dringlichkeit aus der Perspektive eines Gastarbeiterkindes stellt.

Richard Wagner schrieb ein viertel Jahrhundert lang an seiner Tetralogie, die zusammen ohne Pause mehr als 14 Stunden dauert. Ein kathartisches Erlebnis, auf dass sich Arda einlässt, um sich auf die Rolle vorzubereiten. Mit musikalischer Durchschlagskraft verschaffen sich die bei Wagner machtlosen Figuren Raum. Brünnhilde klagt den Vater und sein unterdrückerisches System an und fordert Freiheit für sich und ihre Schwestern. Alberich, der von den listigen Göttern sowohl um seinen Schatz als auch die Fähigkeit zu lieben und geliebt zu werden gebracht wurde, löst sich endgültig vom verzerrten Bild, das ihm die verhasste Elite gespiegelt hat und dem er niemals genügen kann. Erda, Riesin und Erdgöttin schildert die Geschicke des wagnerschen Kosmos aus ihrer Perspektive und die Kinder der Riesen Fasolt und Fafner, die einst Walhall erbauten ermutigen uns die Sichtweise zu wechseln und den Bau der Burg aus den Augen der Kinder der gastarbeitenden Riesen zu betrachten. Feministisch, direkt und ohne mythische Verklärung schafft auch Fricka den Absprung und trennt sich von ihrem alten ich, der Ehefrau eines Tyrannen, die sich auf ein Leben in Freiheit und nach ihren Bedürfnissen freut. Über all dem schwebt jedoch die Prophezeiung der drei Nornen, die Wotan und den Göttern vorhersagen, dass eine Revolte von unten auf sie zurollt.

Nach ihrer jugendbewegten, atmosphärisch-bildstarken Interpretation von Euripides‘ Bakchen widmet sich Julia Wissert der Neulektüre eines weiteren kanonischen Werkes und fragt nach dessen Bedeutung im Heute – eine inhaltliche und musikalische Auseinandersetzung mit Wagners Werk und dem deutschesten aller Mythen.

Termine

März 2024 15 Freitag Schauspielhaus 19:30 Uhr – 21:30 Uhr (keine Pause)
Tagesaktuelle Besetzung am 15. März 2024
(Änderungen vorbehalten)

Komposition/SND Design  Yotam Schlezinger

Weitere Termine folgen.

Besetzung

Arda Tamer Tahan
Brünnhilde Nika Mišković
Alberich Adi Hrustemović
Erda Sarah Quarshie
Fricka Antje Prust
Wotan Alexander Darkow
Live-Komponist*innen/Die Geschwister Dev Isabelle Pabst, Maika Küster
Live-Musik Yotam Schlezinger
3 Nornen/Rheintöchter Regine Anacker, Heike Lorenz, Katrin Osbelt, Sylvia Reusse, Regina Schott

Regie Julia Wissert
Bühne Jana Wassong
Kostüme Nicola Gördes
Komposition/SND Design Yotam Schlezinger
Dramaturgie Jasco Viefhues
Theatervermittlung Sarah Jasinszczak
Licht Markus Fuchs
Ton Younes El-Ali
Regieassistenz Karl Georg Gierth
Bühnenbildassistenz Constanze Kriester
Kostümassistenz Alexandra Peronis
Inspizienz Christoph Öhl
Soufflage Britta Kalitzki

Meinungen

Kritiken und Pressestimmen

Westfälischer Anzeiger

„Die deutsche Erstaufführung ist bildstark umgesetzt. Bühnenbildnerin Jana Wassong schuf einen Raum mit einem Walhalla-Kasten wie ein Terrarium, davor eine Menge große Klötze, die das Baumotiv spielerisch erweitern. Und die Kostüme von Nicola Gördes öffnen Assoziationen vom Blumenhut für Erda bis zu den Pferdekostümen, die die Musiker in Walküren-Rosse verwandeln.

Von nun an übernehmen die anderen das Wort. Sie tragen ungehaltene Reden vor, Wider- und Einsprüche, mit denen die Opfer von Wotans Intrigen ihr Recht einklagen.

Nika Mišković als Brünnhilde verweigert sich dem Dienst für den Göttervater (…). Dieses Solo wird zur druckvollen Hardrock-Nummer, Miskovic wälzt sich mit dem Mikrofon auf dem Boden, röhrt und schreit und lässt die angestaute Wut mit angemessener Wucht und Lautstärke frei. 

Isabelle Pabst und Maika Küster treten als Kinder der Riesen auf, die hier als Gastarbeiter gelesen werden, als migrantische Malocher, die ihre Lebenszeit für den Wohlstand der eingesessenen Gesellschaft opferten. Die Musikerinnen fassen das in eine Art Chanson, einen Wechselgesang, zart und eindringlich.

Das sind stimmige, beeindruckende Szenen, die Schauspielchefin Wissert in ihrer Inszenierung aneinanderreiht (…).“

23. Januar 2024
nachtkritik.de

„Necati Öziri liefert uns einen ‚Ring‘ ohne Worte und ohne Musik (doch ein bisschen Musik gibt es schon, aber garantiert keinen Ton von Wagner), einen Ring von Unten oder einen Ring, der die Lücken in Wagners monumentalem Musikdrama stopft. 

(…) die satirische Schärfe, kombiniert mit dem Versuch, den Figuren dennoch psychologische Tiefe zu geben, ist seine Stärke (…).

‚Ihr wisst, wer wir sind und kennt uns dennoch nicht.‘ Das (Geschwister Dev) sind die Kinder der Riesen Fafner und Fasolt, die für Wotan einst die Burg Walhall bauten. Sie sind die Kinder der emigrierten Arbeiter, die für Deutschlands Wohlstand schufteten. Hier ist nicht nur Öziris Text am stärksten (‚Kinder speichern ewiglich. Wir sind die Körper einer falsch gelebten Zeit‘). Hier gibt es nun doch Musik: Isabelle Pabst und Maike Küster singen diese Klage in schnörkelloser, lupenreiner, folkloristisch angehauchter Zweistimmigkeit. So kindlich schön, so geht das unter die Haut.“

21. Januar 2024
Ruhr Nachrichten

„(…) Wissert vertraut ihren durchweg guten Schauspielern (…)

Bei Öziri sind diese Revolten der verkannten Seelenbilder, die berühren und die Wagner-Kennern eine andere Seite der Figuren zeigen. Viel Präsenz gab Sarah Quarshie der Erda, und sie lieh auch dem bei Wagner stummen Waldvogel am Schluss ihre Stimme.
Adi Hrustemović zeigte sehr schön die verletzliche und mitleiderregende Seite von Alberich, wenn er den Zwerg fragen ließ ‚Was ist attraktiv?‘.

Berührend ließen Maika Küster und Isabella Pabst die Kinder der Riesen sprechen: Der Bau der Burg Walhall hat ihnen Eltern und Jugend geraubt – ein Gastarbeiterkinder-Schicksal.

Nika Mišković war eine rebellische, sehr kraftvolle Brünnhilde im feministisch-lilafarbenen Reiterdress; ihren Vater Wotan spielt Alexander Darkow etwas sehr cholerisch überdreht.

Ehefrau Fricka erinnert in Julia Wisserts Regie an die Venus von Botticelli und Antje Prust (…) eine sehr verletzliche und verletzte Frau.“

22. Januar 2024
WAZ

„Wagemutig, aber sehenswert ist dieses unterfangen auf jeden Fall.

In flinken 20 Minuten, die gehörig Spaß machen, führt Tamer Tahan zu Beginn einmal quer durch die Handlung des ‚Rings‘ und verrät nebenbei worum es unterm Strich eigentlich geht: ‚Um Heimat, Gold und Männer, die Bock auf Frauen haben.‘

Es sind mehr die Gestalten aus den hinteren Reihen, die hier eine Stimme bekommen – und sie nutzen sie mit ganzer Kraft. Sechs ausgewachsene Monologe sind es am Ende, denen die Zuschauer lauschen, vom Dortmunder Ensemble durch die Bank bestens gespielt.

Interessanterweise sind es zwei junge Musikerinnen, denen der schönste Auftritt des Abends gelingt. Als Geschwister Dev, die bei Wagner gar nicht vorkommen, erzählen Maika Küster und Isabella Pabst in einem wunderbar zarten Gesang von ihrer Geschichte.“

22. Januar 2024
Ars tremonia

„Julia Wissert gelang ein durch den ‚Ring‘ eine gelungene Inszenierung des alten, germanischen Mythos. Wagner-fern und Dank Öziri auf aktuelle Themen konzentriert.

Ein gelungenes Spektakel, auch dank der Livemusik von Isabelle Papst, Maika Küster und Yotam Schlezinger, die die Bühne teilweise ordentlich gerockt haben.

Wer also den ‚Ring‘ mal ohne Wagnerianisches Pathos in weniger Zeit erleben möchte oder überhaupt mal wissen möchte, worum es beim ‚Ring‘ geht, sollte auf jeden Fall eine Vorstellung besuchen.“

30. Januar 2024