Schauspiel • Ab Juni 2026

Die Dreigroschenoper

von Bertolt Brecht (Text) und Kurt Weill (Musik) • unter Mitarbeit von Elisabeth Hauptmann

(c) Sofia Brandes & Max Slobodda

Dreigroschenoper

Die Dreigroschenoper ist keine nostalgische Operette, sondern Elisabeth Hauptmanns, Bertolt Brechts und Kurt Weills Frontalangriff auf die sogenannte bürgerliche Moral. Unter der Regie von Julia Wissert und der musikalischen Leitung von Yotam Schlezinger wird dieser zeitlose Klassiker in Dortmund zu einer sinnlich-akustischen Konfrontation an einem einzigartigen Ort: im Salzlager auf der Kokerei Hansa.

Im Zentrum steht der berüchtigte Ganove Macheath, Mackie Messer, und seine Verstrickung in die korrupte Unterwelt Londons. Kurz vor den Krönungsfeierlichkeiten heiratet er heimlich Polly Peachum – gegen den Willen ihres Vaters. Peachum, als Bettlerkönig Profiteur organisierter Armut, erkennt in Mackie keine moralische, sondern eine ökonomische Bedrohung: Ein Machtkampf beginnt. Intrigen, Bestechung, Verrat und Mord sind dabei keine Ausnahmen, sondern Mittel der Ordnung – und Mackie entzieht sich immer wieder, gestützt von alten Verbindungen und zweifelhaften Loyalitäten.

Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?

Die Dreigroschenoper ist nicht als Gangsterromanze gebaut. Sie lädt uns nicht zur Identifikation ein. Wir sollen im Gedächtnis behalten, dass alle Figuren falsch sind – heuchlerisch, opportunistisch, permanent mit dem Vorspielen beschäftigt. Es gibt keine moralischen Zufluchtsorte. Nicht einmal die Bettler*innen sind „echte“ Arme, sondern Teil eines kalkulierten Geschäftsmodells: Sie sind, wie der Regisseur der Uraufführung Erich Engel festhielt, Menschen, die sich mit betrügerischen Mitteln durchs Leben schwindeln.

Wo hört das Geschäft auf – und wo fängt das Verbrechen an?
Diese Frage strukturiert das ganze Stück. Sie zielt nicht auf eine platte Kapitalismuskritik, nicht auf das einfache „Geld ist böse“, sondern auf jene bürgerliche Moral, die sich als Anstand tarnt und darin nichts anderes tut, als Interessen zu verwalten. Brecht und Hauptmann konfrontieren sie mit der eigenen Form: Glanz, Nummer, Ohrwurm, theatrale Größe – all das wird nicht zur Verklärung eingesetzt, sondern als Oberfläche, die sich selbst verrät. 

Kurt Weills Musik bleibt rau, direkt und widerständig – Kabarett und Jazz als Intervention, nicht als Dekor. Die Moritat von Mackie Messer zählt Verbrechen beinahe beiläufig auf: Und der Haifisch, der hat Zähne … Gerade die eingängige Melodie erzeugt Distanz: Die Musik widerspricht dem Inhalt – und macht ihn dadurch erst kenntlich. Und wenn die Diagnose fällt Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral, dann ist das keine Entschuldigung, sondern eine Zustandsbeschreibung – eine, die bis heute nichts an Schärfe verloren hat.

Im Salzlager auf der Kokerei Hansa bekommt diese Konfrontation eine zweite Ebene. Der Ort ist nicht Kulisse, sondern Resonanzraum. Seine Geschichte von harter Arbeit, Disziplin, ökonomischen Zwängen und moralischen Grenzbereichen spiegelt die sozialen Konflikte des Stücks. Backstein, Industrie, Schichtung: Hier wird unmittelbar greifbar, wie nah sich „legal“ und „legitim“ kommen können – und wie selbstverständlich Gewalt wird, wenn sie als Teil von Ordnung und Geschäft erscheint.

Der Abend arbeitet bewusst mit der Oberfläche – weil sie der eigentliche Tatort ist. Die opulenten Kostüme von Lorena Díaz Stephens sind genau das Element, das diese Moral visuell entlarvt: düster funkelnd, opernhaft, irritierend schön. Glanz wird zur Maske – und als Maske sichtbar. In Spannung dazu legt die Bühne von Thilo Ulrich den Raum frei und macht ihn zur Spielfläche und zum Kommentar: Industriearchitektur als Spiegel einer Gesellschaft, die ihre Abgründe gern hinter Ordnung, Moral und Geschäft verbirgt.

So entfaltet Die Dreigroschenoper im Salzlager auf der Kokerei Hansa ihre ganze Wirkung: lustvoll, ironisch, musikalisch verführerisch und analytisch präzise. Sie fordert keine Empathie, sondern Aufmerksamkeit. Und sie stellt keine tröstende Frage, sondern eine unbequeme: Welche Formen von Gewalt erkennen wir bereitwillig an – weil sie legal sind, gut organisiert erscheinen und sich hinter Ordnung, Moral und Geschäft verstecken?

Bitte beachten Keine Abendkasse; Tickets sind nur im Vorverkauf an der Theaterkasse und im Webshop erhältlich.

Termine

Oktober 2026 16 Freitag Kokerei Hansa (Salzlager) 19:00 Uhr
Tagesaktuelle Besetzung am 16. Oktober 2026
(Änderungen vorbehalten)

Oktober 2026 17 Samstag Kokerei Hansa (Salzlager) 19:00 Uhr
Tagesaktuelle Besetzung am 17. Oktober 2026
(Änderungen vorbehalten)

Oktober 2026 18 Sonntag Kokerei Hansa (Salzlager) 18:00 Uhr
Tagesaktuelle Besetzung am 18. Oktober 2026
(Änderungen vorbehalten)

Weitere Termine folgen.

Besetzung

Mackie Messer Lukas Beeler
Polly Peachum Rose Lohmann
Jonathan J. Peachum Luis Quintana
Celia Peachum Antje Prust
Tiger Brown Viet Anh Alexander Tran
Lucy Brown Fabienne-Deniz Hammer
Spelunken-Jenny Marlene Goksch, Nika Mišković
Moritatensängerin / Pastor Kimball Linda Elsner
Filch / Münzmatthias / Konstabler Sarah Quarshie
Hakenfingerjakob / Smith Puah Abdellaoui

Orchester
Klavier und Harmonium Elisabeth Waanders
Altsaxofon, Klarinette und Flöte Maximilian Shaikh-Yousef
Tenorsaxofon, Bassklarinette und Flöte Jakob Jentgens
Fagott, Bassklarinette oder Posaune Henning Nierstenhöfer
Trompete Lars Däubler
Bass, Banjo und Gitarre Yotam Schlezinger
Schlagzeug, Percussion, Multiinstrumentalist Martin Engelbach

Chorleitung Linda Michels, Isabell Zehaczek
Chor Assiba Akoho, Eva Cantürk, Elif Demirhan, Züleyha Er, Gülizar Genç, Janina Goerhke-Sander, Nesrin Hatun, Sabah Kamcili, Beate Marschke, Candan Onsoni, Perihan Özen, Ramona Pöpping, Regina Schulz, Christof Schubert, Aliye Tepe, Sema Uzun
 

Regie Julia Wissert
Musikalische Leitung Yotam Schlezinger
Bühne Thilo Ullrich
Kostüme Lorena Díaz Stephens
Video Tobias Hoeft
Musikalische Co-Leitung, Vocal Coaching Isabelle Pabst
Dramaturgie Jasco Viefhues, Cosima Schubert
Künstlerische Produktionsleitung Frauke Becker, Mara Henni Klimek
Theatervermittlung Sarah Jasinszczak
Sprechtraining Sybille Krobs-Rotter
Licht / Video Markus Fuchs
Ton Robin Lockhart, Björn Netten, Gürkan Erdugan, Jörn Michutta
Regieassistenz Jasmin Johann, Madita Scülfort
Bühnenbildassistenz Sandra Maria Kania, Constanze Kriester
Kostümassistenz Slynrya Kongyoo, Soraya Ouderhm
Inspizienz Monika Gies-Hasmann, Christoph Öhl
Soufflage Klara Brandi, Fiona Holl
Regiehospitanz Dana Ilske
Dramaturgiehospitanz Quinn Mengs

Meinungen

Kritiken und Pressestimmen

Ruhr Nachrichten

„Glitzerwelt der Gangster: Das Schauspiel Dortmund zeigt Brechts ‚Dreigroschenoper‘ als fantastisch ausgestattetes, lautes und raues Spektakel auf der Kokerei Hansa.“

„Riesiger Erfolg für die ‚Dreigroschenoper‘: Die Dortmunder Schauspielintendantin hat das ‚Stück mit Musik‘ von Bertolt Brecht und Kurt Weill in ein knallhartes, heftiges, glitzerndes Spektakel verwandelt.“

„Nicht minder rau wirkt die geniale Bühne von Thilo Ullrich, der mitten in den Raum einen langen rostigen Gang mit einer ersten Etage gebaut hat.“

„An einer Seite musiziert die tolle Band unter Yotam Schlezinger.“

„Einfach klasse wie Rose Lohmann als Polly mit sehr schöner Stimme den Barbara-Song interpretiert (‚Ja, da muss man sich doch einfach hinlegen‘)“.

„Bettlerkönig Peachum (Luis Quintana hat den besten Brecht-Ton) und seine Frau Celia (Antje Prust ist herrlich vulgär) (…)“

„Lukas Beeler in der Hauptrolle agiert kraftvoll, aber natürlich und sympathisch.“

„Eine Hauptrolle spielen aber auch die Kostüme von Lorena Diaz Stephens, deren Fantasie förmlich explodiert zu sein scheint. Im Anklang an das Bling-Bling heutiger Gangster-Rapper lässt sie die Verbrecherwelt billig glitzern, entwarf geschnürte Kleidung mit Strapsen. Polizeichef Brown (Paraderolle für Viet Anh Alexander Tran mit ‚Soldaten wohnen auf den Kanonen‘) stolziert in einer aufgeblasenen Jacke über die Bühne, Spelunken-Jenny (Marlene Goksch) singt ausdrucksstark in einem Outfit, das sexy und schräg zugleich wirkt.“

„Amüsant gespielt ist der Zickenkrieg zwischen Polly und Lucy (Fabienne-Deniz Hammer). Hier wird deutlich, dass Wissert das Ringen der Frauen um den sozialen Aufstieg herausstellen möchte.“

05. Juni 2026
WAZ

„Julia Wisserts Ansatz ist dabei leicht feministisch ausgerichtet. Es sind die Frauenfiguren, die stark in den Vordergrund rücken.“

05. Juni 2026
Nachtkritik

„Stimmlich strahlt Rose Lohmann als Polly mit Volumen und Höhe und kann der Ballade von der ‚Seeräuberjenny‘ auch einige feine Pointen abgewinnen. Sie spielt eine Polly, die die Komödiantin nur spielt. Tatsächlich hat diese Polly im Ernst die Fäden in der Hand an denen sie Macheath zappeln lässt.“

„Marlene Goksch als Spelunkenjenny liefert ihr mit dem ‚Salomo-Song‘ ein dunkel-glühendes Gegenstück dazu. Und Antje Prust als Frau Peachum singt die ‚Ballade von der sexuellen Hörigkeit‘ mit süffisanter Männerfeindlichkeit.“

05. Juni 2026
Nordstadtblogger

„Denn wovon lebt der Mensch?“ – gelungene Inszenierung wirft Fragen an die Gegenwart auf.“

„Ein Abend voller knalliger Kostüme, vieler Gassenhauer und jeder Menge Parolen gegen den Kapitalismus:“

„Besonders interessant ist dabei die Entwicklung von Polly, der Lohmann am Anfang noch einen naiv-verliebten Charakter gibt, der am Ende in einen kühlen Geschäftsgeist umschlägt, der Macheath verrät. Diese Figur illustriert Brechts Aussage: Auch wenn sich am Kopf eines kapitalistisch geführten Unternehmens etwas ändert – also eine Frau an die Spitze rückt -, so unterliegt sie dennoch den ausbeuterischen Prinzipien.“
„Das zeigen auch die anderen Figuren: Prusts Celia Peachum ist berechnend, versucht lediglich, sich selber Vorteile auszuloten. Der Spelunkenjenny verleiht Goksch das Auftreten einer Frau, die schon vieles gesehen hat und deshalb durch Gefühle nicht mehr zu beeindrucken ist. Sie möchte nur das Geld für ihren Verrat an ihrem alten Zuhälter Macheath einstreichen.“

„Lucy läuft mit einem Messer herum, möchte am Ende aber nur eine ‚anständige Frau‘ sein. Diesen Wechsel aus Wahnsinn und Verzweiflung verkörpert Hammer in einer eindringlichen Art.“

„Lukas Beeler überzeugt als Macheath, genannt Mackie Messer.“

„Lukas Beeler verkörpert einen Macheath, der zuerst unantastbar wirkt, den anderen Figuren immer einen Schritt voraus, schelmisch lächelnd. Doch in sein Schauspiel mischt sich am Ende eine gut nach außen getragene Unsicherheit, die er auf das Publikum überträgt.“

„Was wäre die ‚Dreigroschenoper‘ ohne ihre vielen Ohrwürmer? Die klingen unter der musikalischen Leitung von Yotam Schlezinger wohlig in den Ohren und an möchte bei den eingängigen Melodien direkt mitwippen.“

„Ein Besuch lohnt sich also, Bühnenbild, Schauspiel und Musik passen hier hervorragend zusammen.“

06. Juni 2026
Westfälischer Anzeiger

„Und wenn Rose Lohmanns Polly das Lied der Seeräuberjenny anstimmt, bekommt sie Szenenapplaus. Auch wenn sie den Eltern ihre Beziehung zu Mackie offenbart, das ‚Ja, da muss man sich doch einfach hinlegen…‘, hat seine Qualitäten (…):“

„Überhaupt überzeugen vor allem die Sängerinnen, Marlene Goksch ist als Spelunkenjenny stark, etwa im ‚Salomon-Song‘. Antje Prusts Ms. Peachum gibt der Ballade von der sexuellen Hörigkeit eine gute Portion Lebensweisheit mit.“

„Lukas Beeler spielt den Mackie durchaus schön schlawinerhaft (…)“

06. Juni 2026
Ars tremonia

„Das Ensemble transportiert diesen zynischen Grundton grandios. Lukas Beeler brilliert als Macheath (Mackie Messer). Er legt die Figur präzise als überheblichen, zynischen Gangster an, der sich in seiner bürgerlichen Fassade absolut sicher wiegt – schließlich weiß er den Polizeichef in seiner Tasche.“

„Doch die eigentliche Dynamik des Abends gehört den Frauenrollen, die in diesem patriarchal-kapitalistischen Gefüge zu strategischen Akteurinnen werden. Herausragend gelingt Rose Lohmann die Wandlung der Polly Peachum: Aus der scheinbar romantischen, naiven Tochter wird im Handumdrehen eine knallharte, effiziente Geschäftsfrau, die Mackies Gang mit einer Kälte übernimmt, die den Ganoven das Blut in den Adern gefrieren lässt.“

„Auch Marlene Goksch überzeugt als Spelunken-Jenny im Juni-Ensemble auf ganzer Linie. Ihr Verrat an Mackie geschieht nicht aus Bosheit, sondern aus schierer ökonomischer Notwendigkeit – das Prinzip ‚Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral‘ wird hier schmerzhaft spürbar.“

„(…) ist Julia Wissert eine bildgewaltige Inszenierung gelungen. In Dortmunds wohl passendster Industriekulisse regt das Stück genau dazu an, über die zynischen Mechanismen nachzudenken, die Armut erst profitabel machen. Ein starker, sehenswerter Theaterabend.“

14. Juni 2026