Uraufführung / Auftragswerk der Oper Dortmund Oper in 5 Akten von Sarah Nemtsov für 9 Solostimmen, Chor, Orchester, Instrumentalsolist*innen und Elektronik • Libretto basierend auf „Wir (МЫ/We)“ von Jewgeni Samjatin zusammengestellt von Sarah Nemtsov und ins Englische übertragen von Oleg Krokhalev • In englischer Sprache mit deutschen Übertiteln
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In dem perfekten „Einzigen Staat“, den die überlebenden Menschen nach einer globalen Katastrophe errichtet haben, herrschen Glück und Harmonie. Jeder hat eine Seriennummer, eine Uniform und eine gläserne Wohnung. Der talentierte Ingenieur D-503 hält ein solches Leben für ideal, doch nach der Begegnung mit der geheimnisvollen und schönen I-330, die in ihm unkontrollierbare, uralte Triebe und Leidenschaften weckt, entdeckt D-503 Schreckliches: Es gibt Menschen, die die letzte Bastion der Menschheit zerstören wollen.
Der dystopische Roman Wir von Jewgeni Samjatin wurde 1920 geschrieben und in der UdSSR sofort als „aufrührerisch“ und „ideologiefeindlich“ verboten. Das Buch erschien 1924 zunächst nur in englischer Sprache und inspirierte Schriftsteller wie Aldous Huxley und George Orwell, über das Wesen von Diktaturen und ihre düstere Zukunft nachzudenken. Sarah Nemtsov, eine der spannendsten Komponistinnen der Gegenwart, entwirft in ihrer eigens für Dortmund geschriebenen Oper eine kritische Reflexion über Samjatins Thema einer sterilen „Schönen neuen Welt“, in der die natürlichsten menschlichen Gefühle – wie Empathie, Freundschaft oder Liebe – ihren Existenzanspruch behaupten müssen.
Die Vorstellung am 14. Mai 2026 findet im Rahmen des Wagner-Kosmos VII statt.
Kompositionsauftrag der Oper Dortmund gefördert durch die Ernst von Siemens Musikstiftung.
Gefördert von Fonds Neues Musiktheater.
Gefördert vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen in Zusammenarbeit mit dem NRW KULTURsekretariat.
Hier finden Sie die verschiedenen Ticket-Optionen zum Wagner-Kosmos VII
D-503
Seth Carico
I-330
Gloria Rehm
R-13
Daegyun Jeong
Der Wohltäter
David DQ Lee
O-90
Sooyeon Lee
U-86
Ruth Katharina Peeck
S-4711 / 2. Arzt
Sungho Kim
Der kleine Doktor
Ks. Morgan Moody
Die alte Frau
Natascha Valentin
Ein Tänzer
Ivan Keim
Statisterie Theater Dortmund
Opernchor Theater Dortmund
Sprechchor Dortmund
We DO Opera! – Die Dortmunder Bürger*innenOper
Dortmunder Philharmoniker
Musikalische Leitung
Michael Wendeberg
Inszenierung
Eva-Maria Höckmayr
Bühne
Fabian Liszt
Kostüme
Julia Rösler
Video
Krzysztof Honowski
Licht
Florian Franzen
Choreinstudierung
Fabio Mancini
Dramaturgie
Nikita Dubov,
Dr. Daniel C. Schindler
Sounddesign
Joerg Grünsfelder
Studienleitung
Thomas Hannig
Produktionsleitung
Fabian Schäfer
Regieassistenz
Dominik Kastl
Inspizienz
Alexander Becker,
Ulas Nagler
Soufflage
Ivan Keim
Statisterieleitung
Mark Bednarz
Kostümbearbeitung
Susanne Matull
Bühnenbildassistenz
Marie Schönenborn
Kostümassistenz
Thea Salomon
„,WE (WIR)‘ hatte seine Uraufführung jetzt im Zuge des Festivals Wagner-Kosmos VII, eine beeindruckend zugkräftige Mai-Tradition im Opernhaus, die, wie man sieht, den ursprünglichen Rahmen der ,Ring‘-Tetralogie (von Peter Konwitschny) längst locker überschritten hat. Eine Verbindung zu Richard Wagner, die das dazugehörige Symposion sicher wird herstellen können, zeigt sich vorläufig nur, indem es sich auch hier um großes, erzählendes Musiktheater der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft handelt.
Eva-Maria Höckmayrs Inszenierung, eine würdige Uraufführung- und Festivalinszenierung, packt die spannende Sache mit Schwung an. Das Publikum ist auf der Opernbühne untergebracht, kann wie immer über die Ausmaße staunen und hat den Graben vor sich. Und blickt in den Zuschauersaal mit seinem 60er-Jahre-Charme ein perfektes Ready-made-Bühnenbild, in dem sich vor allem Chor und Statisterie wie in einem Planspiel ballen und ausbreiten können.
Intensität in Stimme und Spiel sind vonnöten und werden geboten. Vor allem der Bassbariton Seth Carico als D-503 wird zum Einzelnen unter den Gleichen. Die Sopranistin Gloria Rehm ist eine unbotmäßig leidenschaftliche I-330. Silbrig gleißend kontrastiert damit der Sopran von Sooyeon Lee als O-90, D-503s ,regulärer‘ Partnerin.
,WIR‘ verlangt Aufwand, Aufmerksamkeit, viel Personal und empfiehlt sich zur Wiederaufführung an weiteren ambitionierten, neugierigen Häusern, die sich für gestern, heute und morgen interessieren.“
„Die Oper Dortmund trägt dazu bei, dass die zeitgenössische Oper eine Bühne bekommt und erhält dafür auch Preise. Eine weitere preisverdächtige Inszenierung ist die von Sarah Nemtsovs Oper ,WE (WIR)‘, die am Donnerstag im Rahmen des ,Wagner-Kosmos VII‘ ihre Uraufführung im Dortmunder Opernhaus erlebt hat. – Ein Coup!
Ein spannendes Raumkonzept macht das Auftragswerk der Oper Dortmund zu einem ,Must See‘ für Opernfreunde.
Die Uraufführung von ,WE (WIR)‘ ist die bislang aufwändigste, ambitionierteste, personalintensivste und bildmächtigste Neue-Musik-Produktion in der Intendanz von Heribert Germeshausen. Und eine Produktion auf Festspiel-Niveau.
(…) die Musik der 45-jährigen Oldenburgerin Sarah Nemtsov ist spannend und kraftvoll, eine tolle Mischung aus Sinfonik und Elektronik. Und so uniform und kontrolliert die Gesellschaft in dieser Oper ist, so fantasievoll, kreativ und individuell ist Sarah Nemtsovs Musik.
Die Dortmunder Philharmoniker zeigen sie in leuchtenden Farben, voller Kraft und rhythmischer Finesse. Gesungen wird ebenfalls großartig von einem Ensemble, zudem Neue-Musik-erfahrend Sänger wie Morgan Moody, Katharina Peek und Countertenor David DQ Lee gehören.
Seth Carico ist in der Hauptrolle des D-303 überragend; Gloria Rehm als Liebende I-330 eine Gestalterin von großer emotionaler Kraft.“
„Sarah Nemtsov bietet nun für das Grauen dieser erschütternd nahe liegenden düsteren Zukunft eine nachgerade unendliche Palette von klanglichen Würzungen aus dem Arsenal des Horrorfilms: unter die Haut gehende Glissandi, raffinierte Rhythmen, elektronische Einspielungen von Synthesizern und E-Gitarre, geschickte Verfremdungen von Vokalstimmen, Viertel- und Mikrotöne, nervöse Vibratoeffekte und klangfarbliche Mischungen von Grautönen aller Arten. Ihre Partitur gerät effektvoll, vielgestaltig und fantasievoll.
(…) Fraglos grandios ist indes die Leistung der Dortmunder Philharmoniker, die Gastdirigent Michael Wendeberg mit einer enormen Virtuosität und Lust durch die Partitur führt.
Und auch sängerdarstellerisch punktet das Theater Dortmund einmal mehr. Von den kleinen Partien der Alten Frau (Altistin Natascha Valentin) oder des Diktators ,Der Wohltäter‘ (Countertenor David DQ Lee) bis zu den beiden den Abend tragenden Figuren von I-330, der Gloria Rehm ihren stupenden Koloratursopran leiht, und D-503, dem Bass Seth Carico Wortklarheit, Wucht und Wärme zugleich schenkt und so die schrittweise Menschwerdung des Protagonisten berührend und erschütternd gestaltet.“
Die Inszenierung von Eva-Maria Höckmayr vollbringt das Kunststück, eine streng kontrollierte Gesellschaft der Gleichschaltung eben nicht nur choreographisch im Gleichschritt laufen zu lassen, sondern subtil Persönlichkeiten herauszuarbeiten, die uns etwas angehen. Dabei besticht im besonderen die Raumlösung von Fabian Liszt, der die vierte Wand des Theaters vollends aufhebt und das Publikum zu heimlichen Ko-Akteuren macht. Denn die Zuschauer sitzen hier auf der Bühne, das gesamte Theater wird zum Ort des Geschehens, es könnte gleichermaßen das Raumschiff ,Integral‘ sein wie ein kommunistischer Volkspalast, in dem die Massen als kollektive Sekte auftreten.“
„In Dortmund platziert Regisseurin Eva-Maria Höckmayr das Publikum nun direkt auf die Bühne, sie dreht also das klassische Setting einfach um und macht den leeren Zuschauerraum zum Spielort für die Uraufführung von Sarah Nemtsovs ,WE (WIR)‘. Ein Perspektivwechsel, der im Publikum auf der Bühne ein Gefühl von kollektiver Nähe erzeugt und den Blick weitet in die majestätische Leere des Theaterraums, dessen symmetrische Architektur zur Chiffre einer normierten Welt wird.
Im Graben sitzt unter der Leitung des fabelhaften Michael Wendeberg eine Formation aus den Dortmunder Philharmonikern, sowie den Gästen Sebastian Berweck am Synthesizer, Seth Josel an der E-Gitarre und Moritz Koch am Drumset.
Eva-Maria Höckmayr inszeniert handwerklich souverän. Jeder Effekt sitzt, jede Geste ist hochmusikalisch choreografiert. Das teils elektronisch verstärkte Sängerensemble ist mustergültig besetzt.
Stimmlich und darstellerisch herausragend Bassbariton Seth Carico als Ingenieur D-503, gefolgt von der atemberaubend höhensicheren Gloria Rehm als verführerische I-330 und Counter David DQ Lee als Herrscher, gefolgt von Daegyun Jeong, Sooyeon Lee, Ruth Katharina Peeck, Sungho Kim, Natascha Valentin und Ks. Morgan Moody aus dem Ensemble.“
„Da hören wir die beiden grandiosen Hauptdarsteller des Abends: Seth Carrico als D-503 und Gloria Rehm als die geheimnisvolle I-330. Sie gehört zu einer Widerstandsgruppe, die – in einer biografischen Parallele zum Panzerkreuzer Potemkin – plant, das Raumschiff zu entführen und damit einen großen Schlag gegen den ‚Einigen Staat‘ zu setzen.
(…) David DQ Lee wechselt die Register und Achtung da wird die Stimme gepitcht, wie man das eigentlich eher aus der Popmusik kennt. Dieser Effekt wird selten eingesetzt, dafür aber häufig mit Synthesizer und E-Gitarre gearbeitet. Dadurch entstehen Klänge, die ein bisschen an Science-Fiction der 80er-Jahre erinnern. Das Orchester wird damit unterfüttert und so entstehen immer wieder neue, sehr spannende Klangflächen.
(…) Es gibt noch die Dortmunder Bürger*innenoper, die ebenfalls beteiligt ist, dazu Chor und Orchester sowie ein gar nicht mal so kleines, neunköpfiges Gesangsensemble. Das ist also wirklich ein Riesenprojekt. Zudem wird mit Raumklängen gearbeitet, wodurch wirklich überzeugende Bilder entstehen.“
„(…) Weitgehend unbekannt geblieben ist dagegen der Roman ,Wir‘ des russischen Revolutionärs, Schiffsingenieurs und Schriftstellers Jewgeni Samjatin von 1920, der das Leben in einem vollständig entseelten, gläsernen, ,geeinten‘ Staat beschreibt. Daraus hat die Komponistin Sarah Nemtsov nun für Dortmund eine Oper in fünf Akten gemacht, und man muss sich schon sehr tief ducken, damit einem die Parallelen zur Gegenwart nicht direkt ins Gesicht springen.
(…) Und weil die Regisseurin Eva-Maria Höckmayr klarmachen möchte, dass es hier keineswegs um ferne Galaxien geht, sondern ums Hier und Jetzt, lässt sie ‚We (Wir)‘ im Zuschauerraum des Opernhauses spielen – und platziert das Publikum auf der Bühne. Als solches schauen wir uns sozusagen selbst zu. Verkehrte Welt in einer verkehrten Welt? Dank virtuoser Spiegelprojektionen gelingen eindrückliche Bilder (Bühne: Fabian Liszt) (…).
Sarah Nemtsov begegnet diesem Problem auf denkbar fantasievolle, experimentierlustige und zugleich dialektische Weise: (…) das algorithmische Wabern und die Koloraturen, die elektronischen Loops und das Schelllack-Knistern der Tradition, die Techno-Beats und die Töne, die aus dem Bühnenflügel dringen (…).“
„Mit Seth Carico hat man einen Protagonisten zeitgenössischer Opern für die Hauptrolle verpflichtet, der nicht nur den aufregendsten Thorax der Bariton-Szene besitzt, sondern schon einigen musikalisch abstrakten Uraufführungen Leben einblies. Regisseurin Eva-Maria Höckmayr gelingt sogar ein das ganze Publikumshaus bespielendes Inszenierungsspektakel…
Das Publikum sitzt auf der Bühne, vom Zuschauerraum durch einen halbtransparenten Spiegel getrennt. Der wird sich in den folgenden Stunden einige Mal zu oft heben und senken; erlaubt aber dank Beleuchtungskunst Durchblicke, gespiegelte Halb-Epiphanien und Überblendungen, die den Abend theatralisch schön machen. Vorzügliche Solisten wie Gloria Rehm (I-330), Daegyun Jeong (R-13), Ruth Katharina Peeck (U-86) und Morgan Moody (Der kleine Doktor) finden sich im Intervallgestöber, mit Mikroports ausgerüstet, souverän zurecht.
Chapeau für die Dortmunder Philharmoniker und den Opernchor (plus Sprechchor Dortmund sowie den We DO Opera!-Bürger*innen Opern-Chor). Michael Wendeberg manövriert sie souverän durch die Blasen werfende, tonale Lava- und Magmamassen wälzende Partitur.“
„Den Herrscher des Geeinten Staats, der sich selbst ,Wohltäter‘ nennt, besetzt sie mit einem Countertenor. Die Stimme von David DQ Lee wird manchmal verzerrt, wie man es aus der Popmusik kennt. Es gibt einige elektronische Klangeffekte durch Synthesizer und E-Gitarre, die ein bisschen nostalgisch klingen, wie Sounds aus Science-Fiction-Filmen der 70er Jahre.
,WE (WIR)‘ ist eine opulente Oper für ein großes Ensemble, Chor und Orchester. Der Dortmunder Sprechchor und die Bürger*innenOper ,We DO Opera!‘ werden ebenfalls integriert, oft wispern, pfeifen und brummen Menschen direkt im Publikum und erweitern die Klangräume.
(…) ein faszinierender Musiktheaterabend, der von herausragenden Ensembleleistungen geprägt ist. Seth Carico als D-503 und Gloria Rehm als I-330 haben nicht nur schwere Gesangspartien zu bewältigen, sie sind auch schauspielerisch grandios.“
„(…) Eindrucksvoll sind die entstehenden Bilder aber durchaus, nicht zuletzt weil mit Statisterie, Opernchor (Einstudierung: Fabio Mancini), dem Sprechchor Dortmund und Mitgliedern der Dortmunder Bürger*innenOper ein Großaufgebot an Akteuren beteiligt ist, die überall im Opernhaus platziert sind und eindrucksvoll choreographiert agieren. Das ist Raumtheater im besten Sinne.
Diese Musik hat zum einen einen bedrohlichen Aspekt, der sich mit dem dystopischen Ansatz der Story deckt, zum anderen ist sie klanglich so fein abschattiert und vielschichtig, dass man des Zuhörens nicht müde wird.
Die Dortmunder Philharmoniker leisten da unter dem ebenso präzisen wie souveränen Dirigat von Michael Wendeberg wirklich Großartiges und leuchten Nemtsovs facettenreiche Partitur in all ihren von wolkig-sphärisch bis brutal und bedrohlich reichenden Abtönungen aus.
Die Besetzung bringt Nemtsovs Dystopie-Oper ausgezeichnet auf die Bühne. Seth Carico als D-503 und Gloria Rehm als I-330 füllen ihre Charaktere sängerisch wie schauspielerisch mit großer Präsenz. Es sind ebenso schwere wie umfangreiche Partien, archaische Melodieinseln in einem tönenden Tohuwabohu, aber hier greifen Musik, Text und Schauspiel wirklich ideal ineinander. Auch Daegyun Jeong als R-13 und David DQ Lee als alles überragender und bestimmender ,Wohltäter‘ füllen ihre Partien ebenso wie Sooyeon Lee (O-90), Ruth Katharina Peeck (U-86). Sungho Kim (S-4711/2. Arzt), Morgan Moody (Der kleine Doktor) und Natascha Valentin (Alte Frau) in jeder Hinsicht brillant aus.“
„Mit Richard Wagner schallt es ,Kinder, schafft Neues‘ aus der Oper Dortmund, wo Intendant Heribert Germeshausen in seiner achten Spielzeit ein fantasievolles, in der Tradition verankertes und zugleich mutig vorausdenkendes Programm verantwortet. Also setzen sich in der Stadt, in der Peter Konwitschny seinen ,Ring‘ inszeniert hat, nicht nur kluge Opernbeobachter in einem Symposion zusammen, sondern es erklingen auch zwei neue Opern: ,Mazeppa‘ von Clémence de Grandval als Erstaufführung und ,We (Wir)‘ von Sarah Nemtsov am 14. Mai als Uraufführung.
Nemtsovs Musik treibt einen spektakulären Theaterabend voran. Ausgehend von Samjatins Satz über den ,kalten Spiegel‘ dreht sich die Perspektive in Dortmund: Die Zuschauer (für knapp 200 ist Platz) sitzen auf der Bühne mit Blick auf den Dirigenten Michael Wendeberg und auf den rot-sesseligen Zuschauerraum, in der die grau uniformierte Gesellschaft des ,Geeinten Staates‘ paradiert.
Der ,Wohltäter‘, in etwas klischeehafter Brechung ein Counter, überragend gesungen von David DQ Lee, thront anfangs im vierten Rang und greift erst am Schluss in die Handlung ein, um seinen Ingenieur D-503 wieder auf Kurs zu bringen. Den singt der Amerikaner Seth Carico mit einem Bassbariton, der in den wenigen Momenten, wo ihm Nemtsov kurze Figuren überlässt, messerscharf in das Orchester hineinschneidet.
Carico wie auch Gloria Rehm, deren Sinnlichkeit und Freigeistigkeit den Ingenieur so folgenschwer aus der Bahn werfen, verkörpern das Drama musikalisch und physisch intensiv. Dortmund schafft Neues.“
„Sarah Nemtsov kann in Dortmund selbst miterleben, wie alle für ihre neue Oper ihr Bestes geben. Gäste, Ensemble, Chöre und Dortmunder Philharmoniker stemmen den Abend mit hohem Einsatz. Dirigent Michael Wendeberg, in neuer Musik sehr erfahren, hält die Kräfte zusammen.
Unter seiner Leitung schicken Gloria Rehm (I-330) und Sooyeon Lee (O-90) ihre Sopranstimmen in stratosphärische Höhen. Mit Seth Carico hat das Haus einen Gast gewonnen, der stimmlich und darstellerisch alle Register zieht, um die Zerrissenheit des Ingenieurs D-503 zu beglaubigen.“
„Die Hauptfigur von ,WE (WIR)‘, das in einer diffusen Zukunft spielt, ist der Mathematiker D-503, großartig gesungen und gespielt von Seth Carico.
Carico gelingt es wie wenigen, nicht nur stimmlich mitzureißen: Wenn er dicht vor dem Publikum steht, schwer atmend wie im Ausnahmezustand und doch distanziert wie hinter einer Wand, ist das großes Spiel.
I-330 ist eine Mephistofigur, Nemtsov fasst das in flirrende Koloraturen und abrutschende Glissandi. Gloria Rehm gelingt es, bei aller stimmlichen Akrobatik, die Unfassbarkeit ihrer Figur und ihre Verführungskraft zu vermitteln.
Die Partitur erfordert ein großes Orchester plus E-Gitarre, Schlagzeug und diverse Percussion, sorgfältig geführt von Michael Wendeberg. Fremdtöne Vocoderverzerrrungen und Computergeräusche – werden bruchlos eingebunden.“
„(…) Wofür in dieser Uraufführung ein herausragendes Ensemble zur Verfügung steht. Seth Carico gestaltet mit edlem Bariton die Partie des zunehmend am System zweifelnden Ingenieurs D-503 mit vielen Schattierungen zwischen liedhafter Schlichtheit und dramatischer Expressivität und zeichnet beeindruckend die zunehmende innere Erschütterung nach. Gloria Rehm als verführerische I-330 brilliert in Koloraturen und halsbrecherisch vertrackten Linien mit stupender Intonationssicherheit, und je höher ihr betörender Sopran sich aufschwingt, desto intensiver leuchtet die Stimme. Die revolutionäre Attacke der Figur auf das Staatssystem ist vor allem eine musikalische. Sie hat eine Widersacherin, die Frau O-90, die D-503 liebt (nach den Regeln des Systems) und ein Kind von ihm haben will (das allerdings gegen die Regeln). Sooyeon Lee gibt ihr große stimmliche Präsenz. Countertenor David DQ Lee singt den Staatschef, nur ,der Wohltäter‘ genannt, mit schönem Timbre - er steht D-503 im Finale in einem direkten, ungleichen Duell um die Wahrheit gegenüber.
Hier allerdings hat Regisseurin Eva-Maria Höckmayr mit ihrem Team (Bühne: Fabian Liszt, Kostüme: Julia Rösler, Licht: Florian Franzen, Video: Krzysztof Honowski) aus der ungewohnten Raumsituation heraus verblüffende, ungemein beeindruckende Bildwirkungen gefunden.
Fazit: Sarah Nemtsov verhandelt die großen Fragen nach dem Verhältnis von Glück und Freiheit wie dem von Individuum und Gesellschaft auf musikalisch fesselnde Weise, in der Dortmunder Uraufführung musikalisch grandios und szenisch sehr achtbar umgesetzt.“
„Die Oper Dortmund engagiert sich stark für Komponistinnen. Erst kürzlich hatte dort eine gefeierte Produktion von Clémence de Grandvals ,Mazeppa‘ Premiere, am 14. Mai 2026 nun war in Dortmund die Uraufführung eines spektakulären Auftragswerkes zu erleben: Aus dem dystopischen Roman ,Wir‘ von Jewgeni Samjatin hat die renommierte Komponistin Sarah Nemtsov, Jahrgang 1980, ihr multimediales Musiktheater ,We‘ kreiert – ein enormer Kraftakt für alle Beteiligten.
In einem atemlos gehetzten, erregt stammelnden Sprachduktus, der einer rauschhaften Fieberfantasie gleicht, berichtet eben jener D-503 in ,Wir‘ als Ich-Erzähler in Tagebuchform von seinen Erlebnissen in diesem gläsernen Überwachungsstaat, in dem jegliches Gefühl als Bedrohung gilt und radikal ausgemerzt wird. Idealer Stoff für eine zeitgenössische Oper! Denn gut hundert Jahre nach der Veröffentlichung bietet Samjatins Horrorvision reichlich Potenzial: Corona und die Folgen, neue Kriege, autoritäre Regime, das Erstarken neofaschistischer, antisemitischer, fremdenfeindlicher Kräfte, die Klimakrise, die Macht Künstlicher Intelligenz.
Die Ensembleleistung kann man nur bewundern. Seth Carico bewältigt die anspruchsvolle, oft fragmentierte Baritonpartie von D-503 souverän und gibt dem zerrissenen Charakter dieses Antihelden markantes Profil. Dazu kommen Sooyeon Lee als leidenschaftlich um ihren Ingenieur kämpfende O-90 und Ruth Katharina Peeck als mysteriöse Hausverwalterin U-86, in Wahrheit Spionin und Spitzel.
Und Dirigent Michael Wendeberg hält am Pult der Dortmunder Philharmoniker gekonnt alle Fäden zusammen in dieser monströsen Partitur mit ihren zahllosen Taktwechseln und vertrackten Rhythmen.“